Gesellschaftliche Innovationsfähigkeit

Unter „Gesellschaftlicher Innovationsfähigkeit“ wird die Fähigkeit der Gesellschaft verstanden, Neuerungen hervorzubringen und diese in besonderer Weise auch auf die Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen auszurichten sowie gesellschaftliche Veränderungen anzustoßen.

Menschen auf Rolltreppe; © Thinkstock/danielvfung

Thinkstock/danielvfung

Innovationsverständnis im Wandel

Über lange Zeit hinweg glaubte man, dass das Innovationsgeschehen mit einer kontinuierlichen Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Situation für große Teile der Gesellschaft verbunden sei. Angesichts sich häufender gesellschaftlicher Problemlagen (Umwelt-, Klima und Finanzkrise sowie aktuell die Krisensituation einer globalen Pandemie) wird gesellschaftliche Innovationsfähigkeit in veränderter Weise ausformuliert. Neben das Ziel der Wachstums- und Wohlstandsmehrung tritt das Ziel, die sogenannten „Großen gesellschaftlichen Herausforderungen“ zu bewältigen. Die Hightech-Strategie 2025 der Bundesrepublik Deutschland mit dem Titel „Forschung und Innovation für die Menschen“, trägt diesem Wandel in prominenter Weise Rechnung. Dezidiert wird die Bearbeitung der großen gesellschaftlichen Herausforderungen - neben der Stärkung der Zukunftskompetenzen und der Etablierung einer offenen Innovations- und Wagniskultur in Deutschland -  als eines der drei großen Handlungsfelder genannt, an denen sich die Hightech-Strategie ausrichtet.

Die Gesellschaftswissenschaften werden direkt angesprochen und aufgefordert, ihre Potenziale einzubringen, u.a. um auf einen chancenorientierten und verantwortungsvollen Umgang mit wissenschaftlichem und technologischem Fortschritt hinzuwirken. Dazu sollen Räume für das kritische Nachdenken über technologische, aber auch gesellschaftliche Veränderungen geschaffen werden. Die Geistes- und Sozialwissenschaften wirken an der Entwicklung einer offenen, innovations- und zukunftsfähigen Gesellschaft mit.

Die (neue) Rolle der Gesellschaftswissenschaften in der Innovationsforschung

Mit dem Rahmenprogramm „Gesellschaft verstehen - Zukunft gestalten“ wird das Bundesministerium für Forschung und Bildung (BMBF) die Forschung zu gesellschaftlicher Innovationsfähigkeit stärken, indem Forschung angestoßen wird, mit der die sozialen, politischen, kulturellen und ökonomischen Grundlagen der ‚Innovationsgesellschaft‘ von morgen ergründet werden.

Dabei wird davon ausgegangen, dass die Innovationsgesellschaft von morgen anders aussehen wird bzw. muss als die von heute. Die Entscheidung, in welche Richtung genau die Transformation gehen soll und welche Wege dabei beschritten werden sollen, ist mit enormen Herausforderungen verbunden. So stellt sich – um nur ein Beispiel herauszugreifen – die Frage, wie mit den Widersprüchen des sich stetig beschleunigenden Innovationsgeschehens umzugehen ist. Es ist heute unbestritten, dass die enormen Innovationsleistungen unserer industrialisierten Gesellschaften entscheidend zu historisch einmaligem Wachstum und Wohlstand geführt haben, aber auch, dass diese Innovationen Anteil am Klimawandel sowie an einer Zunahme sozioökonomischer Ungleichheit haben.

In den vergangenen Jahren haben sich die Gesellschaftswissenschaften stark in die Forschung zu „Sozialen Innovationen“ eingebracht, denen ein großes Potenzial bei der Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen zukommt (Ressortkonzept zu Sozialen Innovationen). In Erweiterung dieses Ansatzes, bei dem es um konkrete Innovationsmaßnahmen geht, wird mit der Frage nach der „Gesellschaftlichen Innovationsfähigkeit“ das Innovationssystem selbst und seine Rolle für eine zukunftsfähige gesellschaftliche Entwicklung in den Blick genommen. Selbstredend soll dies in enger Zusammenarbeit mit Stakeholdern aus der Praxis und anhand konkreter Fallbeispiele erfolgen.

Fördermaßnahmen im Themenschwerpunkt „Gesellschaftliche Innovationsfähigkeit stärken“

Im August 2021 wurde die Förderrichtlinie „Regionale Faktoren für Innovation und Wandel erforschen – Gesellschaftliche Innovationsfähigkeit stärken“ veröffentlicht. Die Fördermaßnahme wird in Kooperation mit dem BMBF-Programm „REGION.innovativ“ durchgeführt. Übergreifende Informationen zu diesem Programm sowie FAQs zur aktuellen Förderrichtlinie finden sich hier.

Im Fokus der Förderrichtlinie steht die Frage, wie sich komplexe Innovationszusammenhänge auf regionaler Ebene darstellen und wie insbesondere strukturschwache Regionen durch Innovationen Wandel anstoßen und erfolgreich gestalten können. Dabei interessiert u.a., wie der Ansatz der gesellschaftlichen Innovationsfähigkeit für die regionale Praxis operationalisiert werden kann, welche Ausprägungen regionaler Innovationsökosysteme beschreibbar sind und welche institutionellen, soziodemographischen, politischen sowie kulturellen Rahmenbedingungen sich begünstigend oder hemmend auf die gesellschaftliche Innovationsfähigkeit auswirken.

Zur Beantwortung dieser Fragen werden anwendungsorientierte Forschungsvorhaben aus dem Bereich der Sozial-, Geistes- und Wirtschaftswissenschaften gefördert; eine Einbindung natur- und ingenieurwissenschaftlicher Forschungsperspektiven ist möglich. Die Kooperation mit Praxispartnern in den ausgewählten strukturschwachen Regionen ist erforderlich, wobei die Ausgestaltung entsprechend der inhaltlichen und methodischen Ausrichtungen des jeweiligen Forschungsvorhabens erfolgen kann.