Friedens- und Konfliktforschung

Innerhalb seines Rahmenprogramms ­„Gesellschaft verstehen – Zukunft gestalten“ (2019 bis 2025) für die Geistes- und Sozialwissenschaften stärkt das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) das Forschungsfeld der Friedens- und Konfliktforschung ab April 2022 mit 30 Mio. EUR.

Mehrere Hände übereinander zusammen

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Mit der Förderung von zehn Verbundvorhaben aus diesem Forschungsfeld will das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) dazu beitragen, dass Politik und Gesellschaft internationalen Entwicklungen auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse angemessen begegnen können. Gewaltsame Konflikte betreffen auch Europa: Die Invasion der Ukraine durch Russland hat dem Land massive Zerstörung gebracht und, auch über die Ukraine hinaus, Nöte und Ängste hervorgerufen.

Die Verbünde der Förderlinie unterteilen sich in zwei unterschiedliche Förderformate: sieben Kompetenznetze und drei Regionale Zentren. In beiden Förderformaten kommt der Vernetzung eine herausragende Bedeutung zu. In den Kompetenznetzen schließen sich kleinere, regional verstreute Akteure mit ähnlichen Forschungsschwerpunkten zusammen, um gemeinsam zu Zukunftsfragen aus dem Feld der Friedens- und Konfliktforschung zu forschen. Die Kompetenznetze sollen sich zudem als Akteure im Bereich Wissenstransfer profilieren und Beratungs- bzw. Informationsangebote für Politik und Gesellschaft entwickeln. Die Regionalen Zentren sollen sich als Zusammenschlüsse von Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen einer Region zu „Leuchttürmen“ der deutschen Friedens- und Konfliktforschung entwickeln. Sie haben die Aufgabe, im Rahmen gemeinsamer Forschungs- und Transfervorhaben die Interdisziplinarität und den Methodenpluralismus des Forschungsfeldes zu stärken und über entsprechende Kooperationen die Internationalisierung der Friedens- und Konfliktforschung vorantreiben.

Die geförderten Forschungsprojekte arbeiten interdisziplinär zu unterschiedlichen Weltregionen und Themen, unter anderem zu Auswirkungen historischer Faktoren auf aktuelle Konfliktdynamiken und zur Rolle moderner Technologien in Konfliktgeschehen. Sie erarbeiten auf ihren Erkenntnissen basierende Transfermaßnahmen, um Praxisakteur/innen im Umgang mit aktuellen Herausforderungen im Bereich der Konfliktprävention und -beilegung unterstützen zu können. Eine Vielzahl unterschiedlicher Praxispartner/innen ist von Beginn an in die Forschungsvorhaben eingebunden.

Die Laufzeit der Verbünde erstreckt sich zunächst über vier Jahre, bis 2026. Bei erfolgreicher Evaluation ist eine Fortsetzung um weitere zwei Jahre vorgesehen.

Forschungsprojekte im Themenfeld „Friedens- und Konfliktforschung“

WOZU: Besseres Verständnis vom Konfliktdynamiken und stärkere Vernetzung innerhalb des Forschungsfeldes

WER: Hochschulen und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen, die eng mit Praxispartnern zusammenarbeiten

WIE: Förderlinie „Stärkung- und Weiterentwicklung der Friedens- und Konfliktforschung“

WO: Bundesanzeiger vom 03.09.2020

Vorstellung der Verbünde:

Regionale Zentren

TraCe

Titel: Regionales Forschungszentrum "Transformations of Political Violence"

Projektkoordination: Prof. Dr. Christopher Daase, Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK)

Verbundpartner: Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main; Justus-Liebig-Universität Gießen; Philipps-Universität Marburg; Technische Universität Darmstadt

Beschreibung: Das interdisziplinäre Forschungszentrum untersucht historische und gegenwärtige Transformationen politischer Gewalt mit Fokus auf drei Themen: (1) den Formenwandel politischer Gewalt, (2) Veränderungen ihrer institutionellen Einhegung und (3) den Wandel ihrer Deutungen. Weitere Arbeitsbereiche widmen sich methodischen und theoretischen Synergien, dem Wissenstransfer und der Koordination des regionalen Vorhabens. Übergreifendes Ziel ist es, die Konsequenzen des Wandels politischer Gewalt für den innergesellschaftlichen und internationalen Frieden zu identifizieren und Strategien zur Eindämmung politischer Gewalt unter den sich verändernden Bedingungen zu entwickeln.

BZeFK

Titel: Bayerisches Zentrum für Friedens- und Konfliktforschung

Projektkoordination: Prof. Dr. Jana Hönke; Universität Bayreuth

Verbundpartner: Universität Augsburg; Institut für Zeitgeschichte (IfZ); Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Beschreibung: Der Forschungsverbund vernetzt die regionalen Standorte der Friedens- und Konfliktforschung in Bayern zu einem interdisziplinären bayerischen Zentrum für Friedensforschung. Das Projektdesign dieses Forschungsverbunds zielt einerseits unter einer geschichtswissenschaftlichen Profilbildung auf die vergleichende Analyse unterschiedlicher Deutungskämpfe entlang der Fragestellung, unter welchen Voraussetzungen Deutungskämpfe zum Frieden beitragen, und andererseits auf wirkungsvolle Transfer- und Kommunikationsformate für Multiplikatoren, regionale Öffentlichkeiten und die Politikberatung.

VeSPoTec

Titel: VeSPoTec - Zentrum für interdisziplinär-integrierte Verifikationsforschung

Projektkoordination: Prof. Dr. Malte Göttsche; Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen

Verbundpartner: Forschungszentrum Jülich GmbH; Universität Duisburg-Essen

Beschreibung: Mit dem Verbundvorhaben VeSPoTec soll ein neues regionales und interdisziplinäres Zentrum für Friedensforschung mit dem Schwerpunkt Verifikation (Überprüfung, ob eine vereinbarte Verpflichtung zur Reduzierung oder Abrüstung von Nuklearwaffen tatsächlich eingehalten wird) aufgebaut werden. Drei miteinander verschränkte Ziele werden verfolgt: (1) Das Thema der Verifikation wird unter den veränderten politischen Rahmenbedingungen als ein interdisziplinäres Forschungsfeld der Friedens- und Konfliktforschung neu konturiert. (2) Konkret werden im nuklearen Bereich die wichtigsten zukünftigen Verifikationsszenarien ausgearbeitet und Verifikationsprozesse werden für diese Szenarien maßgeschneidert weiterentwickelt und mittels Übungen erprobt. (3) Maßnahmen zum interdisziplinären Aufbau eines dauerhaften Forschungsverbunds zu Vertrauensbildung und Verifikation werden durchgeführt.

Kompetenznetze

LoKoNet

Titel: Netzwerk Lokale Konflikte und Emotionen in Urbanen Räumen: Transdisziplinäre Konfliktforschung in Wissenschaft-Praxis-Kooperationen

Projektkoordination: Prof. Dr. Katrin Grossmann, Fachhochschule Erfurt University of Applied Sciences

Verbundpartner: Verein zur Förderung der Bildung - VFB Salzwedel e.V.; Universität Bielefeld; Ruhr-Universität Bochum; Technische Universität Dortmund; Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung e. V.

Beschreibung: Das Kompetenznetz Lokale Konflikte und Emotionen in Urbanen Räumen (LoKoNet) widmet sich erstens der Frage, wie die psychosoziale und gesellschaftliche Konstruktion von Räumen mit der Entstehung und dem Verlauf von Konflikten in Wechselwirkung stehen. Zweitens wird im Anschluss an den emotional turn der Sozialwissenschaften erforscht, wie Gefühle in lokalen Konfliktdynamiken wirksam und bearbeitbar werden. Das Netzwerk verbindet einen radikal prozessorientierten Blick auf Konflikte mit einer sozialräumlichen Analyseperspektive sowie einem Fokus auf die Rolle von Affekten und Emotionen. Dabei geraten wissenschaftliche und praktische Perspektiven in einen permanenten Dialog.

KOMPCBW

Titel: Die Normen gegen Chemie- und Biowaffen umfassend stärken: Das Kompetenznetz CBW
Projektkoordination: Dr. Oliver Meier, Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg (IFSH)

Verbundpartner: Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK); Universität Hamburg; Justus-Liebig-Universität Gießen

Beschreibung: Das Vorhaben fragt nach Möglichkeiten, die Normen gegen Chemie- und Biowaffen (CBW) umfassend zu stärken. Diese sind in den vergangenen knapp zwei Jahrzehnten zunehmend unter Druck geraten, beispielsweise durch den wiederholten Einsatz chemischer Waffen in Syrien. Das Vorhaben untersucht aus interdisziplinärer Perspektive die Einflussfaktoren, Ausprägungen und Auswirkungen von Normenkontestation in den CBW-Verbotsregimen. Dort wo die Analyse auf eine Schwächung der Normen hinweist, entwickeln die Verbundpartner Vorschläge zu deren Stärkung und einer erhöhten Resilienz.

HIERARCHIES

Titel: Postkoloniale Hierarchien in Frieden & Konflikt

Projektkoordination: Prof. Dr. Susanne Buckley-Zistel, Philipps-Universität Marburg

Verbundpartner: Universität Bayreuth; Universität Erfurt; Arnold-Bergstraesser-Institut

Beschreibung: Das Kompetenznetz untersucht, wie sich historisch geronnene postkoloniale Hierarchien in zeitgenössischen Konfliktdynamiken niederschlagen und welche Implikationen sich daraus für eine zukünftige nachhaltige Konflikttransformation ergeben. Die Konzepte und Praktiken der Friedens- und Konfliktforschung werden daraufhin geprüft, inwiefern sie zur Reproduktion und Verstetigung von Hierarchien beitragen. Auf der Basis gemeinsamer Forschungsfragen zu Gewaltdynamiken, zu Sicherheitsgovernance und Frieden sowie zu Transformativer Gerechtigkeit sollen friedens- und sicherheitspolitische Entscheidungsprozesse informiert und Asymmetrien in der Wissensproduktion zu Gewaltkonflikten überwunden werden.

MEHUCO

Titel: MEHUCO - Meaningful Human Control. Autonome Waffensysteme zwischen Regulation und Reflexion

Projektkoordination: Prof. Dr. Jutta Weber, Universität Paderborn

Verbundpartner: Leibniz Universität Hannover; Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn; Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften - Hochschule Braunschweig/Wolfenbüttel; Universität Hamburg

Beschreibung: Das Kompetenznetz 'Meaningful Human Control. Autonome Waffensysteme (AWS) zwischen Regulation und Reflexion' (MEHUCO) situiert bislang unverbundene Konzepte der Kontroverse um AWS in ihrem historischen und kulturellen Kontext. Ausgehend von einem komplexen Technikverständnis entwickelt es dabei ein Konzept soziomaterieller Handlungsfähigkeit. Neben der Bündelung transklassischer Kompetenzen der Friedensforschung fokussiert es auf die Übersetzung seiner wissenschaftlichen Ergebnisse in den öffentlichen Diskurs zur Stärkung der zivilgesellschaftlichen Debatte.

KNOWPRO

Titel: Wissensproduktion in der deutschen Friedens- und Sicherheitspolitik

Projektkoordination: Prof. Dr. Dirk Nabers, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Verbundpartner: Universität Erfurt; Universität Bremen

Beschreibung: Ausgehend von einem diskurstheoretischen, ethnographischen und soziologischen Verständnis von Wissen untersucht das Projekt die Wissensproduktion zu Interventionen in kriegerische Konflikte in der sozialwissenschaftlichen Grundlagenforschung, Politikberatungsinstituten und Regierungsinstitutionen. Es verfolgt drei Hauptziele: Erstens erarbeitet es eine Bestandsaufnahme der Wissensbestände der drei o.g. Sphären und erlaubt somit eine Einschätzung, ob das jeweilige Wissen abweicht oder nicht, und damit, ob das traditionelle Verständnis von Wissenstransfer und Politikberatung tragfähig ist. Zweitens will das Projekt einen integrierten Analyserahmen für eventuelle Abweichungen im Wissen entwickeln. Drittens ist geplant, Forschungsergebnisse an Wissenschaft, Politikberatung und Politik zurückzuspiegeln und Handlungsempfehlungen zur Verbesserung des Wissenstransfers zu erarbeiten.

ANCIP

Titel: Kompetenznetz African non-military conflict intervention practices (ANCIP)

Projektkoordination: Prof. Dr. Ulf Engel, Universität Leipzig

Verbundpartner: Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK); Universität Duisburg-Essen

Beschreibung: Das Kompetenznetz „African non-military conflict intervention practices" (ANCIP) verbindet empirische Grundlagenforschung mit Theoriebildung und strategischer Politikberatung. Gegenstand ist die Erforschung der akademisch bislang stark vernachlässigten nicht-militärischen Interventionspraktiken der Afrikanischen Union (AU) und der afrikanischen Regional Economic Communities (RECs). Die Ziele des kollaborativen Vorhabens sind der Aufbau eines online-basierten Registers nicht-militärischer Interventionen von AU und RECs (ab 2004), die empirische Rekonstruktion von nicht-militärischen Interventionspraktiken und -routinen afrikanischer Akteure sowie eine darauf aufbauende Theoriebildung. Die vergleichende Identifizierung von best practices und lessons learned liefert strategische Ansatzpunkte für die externe Unterstützung von Konfliktprävention, -bearbeitung und -lösung in Afrika.

KonKoop

Titel: Kooperation und Konflikt im östlichen Europa. Die Folgen der Neukonfiguration politischer, ökonomischer und sozialer Räume seit dem Ende des Kalten Krieges

Projektkoordination: Prof. Dr. Gwendolyn Sasse, Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) gGmbH

Verbundpartner: Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung (IOS); Leibniz-Institut für Länderkunde e.V. (IfL); Friedrich-Schiller-Universität Jena; Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde; Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam e.V. (ZZF)

Beschreibung: Das Kompetenznetz KonKoop zielt auf die Vernetzung und Weiterentwicklung der in Deutschland zerstreuten Forschung zu Kooperation und Konflikten im östlichen Europa (hier Osteuropa, Südosteuropa, Kaukasus und Zentralasien). Diese Region ist für die Friedens- und Konfliktforschung von großer Bedeutung: Nirgendwo sonst gab es seit dem Ende des Kalten Krieges so viele, teils bis heute ungelöste Sezessionskonflikte und neue Staatsgründungen. Das östliche Europa zeichnet sich durch eine hohe ethnische und religiöse Diversität aus. Gleichzeitig birgt es durch extensive Nutzung natürlicher Ressourcen und Auswirkungen des Klimawandels, der zur Verknappung von Ressourcen wie Wasser und nutzbarem Land führt, Konfliktpotenzial. Im Mittelpunkt des Kompetenznetzes stehen die Dynamiken von Konflikt und Kooperation. Das Vorhaben fragt nach ihrer räumlichen und zeitlichen Varianz und untersuchen, wie es gelingen kann, konflikthafte hin zu kooperativen Interaktionen zu verschieben. Eine multilokale und interdisziplinäre Forschungsgruppe realisiert Detailanalysen, untersucht übergreifende Fragen und dient der Nachwuchsförderung.