Narrative aus Ost und West: „Das mediale Erbe der DDR“

Wie haben Medien und Medienmenschen die Vorstellungen über die DDR vor und nach 1989 geprägt? Das hat seit Dezember 2018 der BMBF-Forschungsverbund „Das mediale Erbe der DDR. Akteure, Aneignung, Tradierung“ untersucht und unlängst seine Ergebnisse vorgestellt. Studierende haben an den Forschungen mitgewirkt – und im Blog des Verbundes veröffentlicht.

Das Projektteam von "Das mediale Erbe der DDR" (7. Juli 2022 in Potsdam)

Das Team von „Das Mediale Erbe der DDR“ (v. l. n. r.): Lea Frese-Renner (ZZF), Sinja Gerdes (LMU), Maria Löblich (FU), Lotte Thaa (FU), Julian Genten (FU), Margit Szöllösi-Janze (LMU), Michele Barricelli (LMU), Sandra Starke (ZZF), Nikolai Okunew (ZZF), Olaf Berg (ZZF), Irmgard Zündorf (ZZF), Frank Bösch (stellv. Sprecher, ZZF), Christoph Classen (ZZF), Jürgen Danyel (ZZF), Elisa Pollack (FU), Tom Koltermann (ZZF), Daria Gordeeva (Koordinatorin, LMU), Martin Lücke (stellv. Sprecher, FU), Michael Meyen (Sprecher, LMU), Christian Tetzlaff (LMU).© Marion Schlöttke, ZZF Potsdam

Marion Schlöttke

Daria Gordeeva

Daria Gordeeva ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Ludwig-Maximilians-Universität München und Verbundkoordinatorin des Projekts „Das mediale Erbe der DDR“

Daria Gordeeva

„Erinnerungen an die DDR, unsere Vorstellungen über das Alltagsleben der DDR-Bürger mit seinen Zwängen und Missständen, aber auch Denk- und Spielräumen sind maßgeblich durch Medien geprägt“, sagt Projektkoordinatorin Daria Gordeeva, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU). „In unserem Projekt gehen wir von einem weiten Medienbegriff aus und verstehen darunter nicht nur die klassischen Massenmedien, etwa Presse, Rundfunk oder Film, sondern auch private Medien, wie Fotoalben und Schmalfilme. Außerdem erforschen wir Nutzungsumgebungen, etwa Museen oder den schulischen Geschichtsunterricht, sowie Biografien und Wendeerfahrungen ostdeutscher Medienakteure.“

14 Projekte rund um Medien mit DDR-Bezug

Was haben welche Medien vermittelt? Wer hat sie ‚bespielt‘? Welche Freiräume gab es, welche politische Repressionen? Und wie wirkt dieses mediale Erbe bis heute weiter? Diese Fragen haben Forschende der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), der Freien Universität Berlin (FU Berlin) und des Leibniz-Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF Potsdam) gemeinsam untersucht: In 14 Projekten nahmen sie Medien mit DDR-Bezug unter die Lupe, analysierten ihre Entstehung, Transformation und Nutzung und fragen nach ihrem Beitrag zur deutsch-deutschen Erinnerungskultur (siehe Projekte). Dabei hat der Verbund Ansätze der Geschichtswissenschaft, der Kommunikationswissenschaft und der Geschichtsdidaktik interdisziplinär verbunden. Gleiches gilt für ost- und westdeutsche Standorte, universitäre und außeruniversitäre Forschung und die Forschungsvermittlung.

"Im ‚offiziellen‘ DDR-Diskurs – in Leitmedien, Schulbüchern und Museen – dominiert das sogenannte ‚Diktaturgedächtnis‘. Dieser Begriff geht auf den Historiker Martin Sabrow zurück und beschreibt ein Erinnerungsnarrativ, das den Unterdrückungscharakter der SED-Herrschaft in den Vordergrund rückt.
Projekte, die sich mit privaten Medien und der individuellen Mediennutzung beschäftigen, zeigen jedoch, dass sich viele ehemalige DDR-Bürger in dieser eindimensionalen Täter-Opfer-Geschichte nicht wiederfinden – und stärker die Erinnerungen an ihren ‚ganz normalen‘ Alltag betonen."

Daria Gordeva

Abschlusstagung online und in Potsdam

Am 7. und 8. Juli 2022 stellte der Forschungsverbund bei der Abschlusstagung die Ergebnisse seiner Arbeiten vor – online und im Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam. Dabei traten Forschende des „Medienerbes“ in einen Dialog mit Expertinnen und Experten aus Kunst-, Geschichts- und Filmwissenschaft, Soziologie, Geschichtsdidaktik und Journalismus. Zudem diskutierten ostdeutsche Medienschaffende mit Projektmitarbeitenden, darunter Schriftstellerin Marion Brasch, Fernsehmoderatorin Victoria Herrmann sowie Autor und Dramaturg Steffen Mensching (mehr zum Abendpodium und zum Blog "Das mediale Erbe der DDR").

Online-Handbuch „Die DDR im Film“

Passend zur Abschlusstagung des Forschungsverbundes hat das Medienerbe-Projektteam das Portal „Die DDR im Film“ online gestellt. Das Online-Handbuch „Die DDR im Film“ ist übrigens nur eines von mehreren digitalen Portalen, die im Rahmen des Projekts entstanden sind. Studierende haben daran ebenso mitgewirkt wie Doktorand: innen, Post-Docs oder Professor: innen. Es nimmt rund 100 Serien, Spiel- und Dokumentarfilme aus der DDR unter die Lupe und erlaubt einen Blick hinter die Kulissen der interessengeleiteten Filmproduktion, -förderung und -rezeption. „Das Besondere an unserem ‚Online-Handbuch‘ ist, dass es über herkömmliche Filmanalyen hinausgeht: Es fragt nicht nur nach der Handlung, Figuren, der Ästhetik oder dem Erfolg beim Publikum, sondern vielmehr nach den Beteiligten und Förderern sowie nach dem Platz im Erinnerungsdiskurs“, betont Gordeeva und ergänzt: „In diesem Transferprojekt machen wir akademisches Wissen und eine theoretisch und methodisch fundierte Perspektive für alle zugänglich. Es richtet sich somit nicht nur an Kolleginnen und Kollegen aus der Wissenschaft, sondern an alle, die sich für das Thema interessieren – im Schulkontext, für das Gespräch in der Familie und im privaten Kreis. Zugleich eignet es sich für die weitere Forschung in ganz anderen disziplinären Zusammenhängen“.

Blog zum medialen Erbe

Logo des Blogs "Das mediale Erbe der DDR"

ZZF Potsdam

Ein weiteres sichtbares Ergebnis ist der projektbegleitende Blog. Auch hier haben Studierende mitgewirkt und Film-, Literatur- und Musikanalysen veröffentlicht, Alltagsbeobachtungen festgehalten oder Interviews mit ostdeutschen Medienmenschen geführt und ausgewertet. Die Themen reichen von der DDR in Computerspielen, die vor der DDR- bzw. Ostblock-Kulisse spielen, über TV-Formate wie Polizeiruf 110, dem DDR-Pendant zum „Tatort“, bis hin zur Punk-Ikone Nina Hagen oder zum Rapper Sido. „Wir haben uns mit Geschichtsbildern kritisch auseinandergesetzt, die seit dem Ende der DDR den politischen und medialen Erinnerungsraum der Bundesrepublik beherrschen, aber auch mit Narrativen, die ein Schattendasein führen – und zum Beispiel das utopische Potenzial an dem gescheiterten sozialistischen Projekt erkennen lassen“, so Gordeeva. „Unser Blog zählt übrigens zu den zehn „sehenswerten“ Empfehlungen von MDR Kultur und bleibt auch weiterhin online. Michael Meyen, Kommunikationswissenschaftsprofessor an der LMU und Sprecher des Forschungsverbundes, hat das Thema DDR im Lehrplan verankert – aus seinen Vorlesungen und Seminaren gehen jedes Semester lesenswerte studentische Arbeiten hervor.“ Welche Eindrücke die Studierenden bei der Projektarbeit gemacht haben, erfahren Sie in den Autorinnen- und Autorenportraits.

DDR-Forschung

„Das mediale Erbe der DDR“ ist ein Verbundprojekt der LMU München, der FU Berlin und dem ZZF Potsdam. Es wird vom BMBF im Förderbereich „DDR-Forschung“ gefördert.
Mehr zur DDR-Forschung auf bmbf.de und GSW-Portal