Regionale Ausprägungen und Perspektiven sozialer Ungleichheit

Trotz wirtschaftlich guter Lage und nahezu Vollbeschäftigung macht sich in der Bevölkerung das Gefühl sozialer Ungleichheit breit: zwischen Stadt und Land, Ost und West, Alt und Jung. Alles nur Medienspektakel oder eine ernstzunehmende Gefahr für den Zusammenhalt der Gesellschaft?

Frau steht vor ärmlich wirkenden Häusern; © Lucie Bernroider

Lucie Bernroider

Seit gut zehn Jahren nimmt das Thema soziale Ungleichheit einen prominenten Platz in öffentlichen und wissenschaftlichen Debatten ein. Aus gutem Grund: Soziale Ungleichheit gilt als einer der wichtigen – vielleicht sogar der wichtigste – Treiber für die Gefährdung des gesellschaftlichen Zusammenhalts und für sinkende Teilhabechancen von Bürgerinnen und Bürgern.

Förderrichtlinie mit Fokus auf „Regionale Ausprägungen und Perspektiven sozialer Ungleichheit“

Im Rahmen des Schwerpunkts „Gesellschaftlicher Zusammenhalt“ des Rahmenprogramms „Gesellschaft verstehen – Zukunft gestalten“ hat daher das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) eine Förderrichtlinie mit Fokus auf „Regionale Ausprägungen und Perspektiven sozialer Ungleichheit“ (Bundesanzeiger vom 10.10.2019) veröffentlicht. Ziel der geplanten Fördermaßnahme ist es, zu einem vertieften Verständnis der Ursachen und Auswirkungen von sozialer Ungleichheit unter einer regionalen Perspektive beizutragen. Was wird als soziale Ungleichheit wahrgenommen? Wie entsteht Ungleichheit im regionalen Kontext? Wie wirkt sie sich aus? Alle Bereiche, in denen sich soziale Ungleichheit regional manifestieren kann, also etwa Ökonomie, Lebensqualität, Gesundheit, Arbeit, Bildung, Teilhabechancen, Mobilität, Gender, kommen als Gegenstände von Untersuchungen in Betracht. Gleiches gilt für die Auswirkungen von sozialer Ungleichheit auf Zufriedenheit, Einstellungen und Ansichten, Teilhabemöglichkeiten und den Alltag der Menschen.

Auswirkungen

Zur Einordnung der Auswirkungen von Ungleichheit auf die Lebensverhältnisse von Individuen bzw. Gruppen sind Betrachtungen auf der Mikroebene und die Einordnung in den lokalen bzw. regionalen Kontext wichtig. Die Folgen von Ungleichheit treffen nicht in jeder Region auf gleiche Ausgangslagen. Auch durch verschiedene lokale und regionale Strukturen der Zivilgesellschaft und der Privatwirtschaft variieren die Teilhabechancen, und es werden Ungleichheiten unterschiedlich abgefedert oder sogar verstärkt. Zudem trägt auch der unterschiedliche Umgang von Verwaltungen mit Ungleichheit zu regionalen Unterschieden bei. Daher ist angestrebt, Akteure aus Politik, Verwaltung, Zivilgesellschaft und Wirtschaft in den Forschungsprozess einzubinden.
Die anwendungsbezogene Forschung der Geistes- und Sozialwissenschaften kann dazu beitragen, das überaus komplexe Thema zu verstehen und Lösungsansätze zu entwickeln, um zum Beispiel Teilhabechancen zu verbessern. Nicht zuletzt geht es auch um wissenschaftlich fundierte Beiträge zur öffentlichen Debatte über soziale Ungleichheit, die die Zusammenhänge zwischen der regionalen und anderen Ebenen (wie z.B. Europa) herausstellen und klären.

Lesetipps: Aktuelle Studien zum Thema „Soziale Ungleichheit“

Projekt „Vielfalt leben – Gesellschaft gestalten“

Das Projekt „Vielfalt leben – Gesellschaft gestalten“ der Bertelsmann Stiftung untersucht, wie das Zusammenleben in Vielfalt gelingt. Ein Ergebnis der Studie, die den Zusammenhang von Ungleichheit, gesellschaftlichem Zusammenhalt und individueller Lebensqualität untersucht hat: Dort wo die Ungleichheit geringer ist, ist der Zusammenhalt stärker. Und dort, wo der Zusammenhalt stärker ist, da ist auch das subjektive Wohlbefinden der einzelnen Menschen größer.
Quelle: https://blog.vielfaltleben.de/2019/03/22/755/

"Ungleiches Deutschland: Sozioökonomischer Disparitätenbericht 2019"

Mit der Studie "Ungleiches Deutschland: Sozioökonomischer Disparitätenbericht 2019" legt die Friedrich-Ebert-Stiftung eine Bestandsaufnahme der regionalen Ungleichheit in Deutschland vor. Die umfassende Clusteranalyse, erarbeitet vom Dortmunder Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung, ergab: Weder das jahrelange starke Wirtschaftswachstum noch die Tatsache, dass zuletzt mehr Menschen in Deutschland Beschäftigung fanden, haben dazu beigetragen, die deutlichen Gräben zwischen reichen und ärmeren Regionen in Deutschland abzubauen. Vielmehr haben sich die Abstände zwischen den dynamischen und den benachteiligten Regionen verfestigt.
Quelle: http://library.fes.de/pdf-files/fes/15400-20190528.pdf (PDF)