Digital Humanities

Die Digitalisierung kann auch in den Geistes- und Sozialwissenschaften als eine der bedeutendsten Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte gelten. Immer mehr digitale Quellen und Werkzeuge zu deren Verknüpfung und Auswertung sind verfügbar, unabhängig von Zeit und Ort – und sie revolutionieren die interdisziplinäre Forschung.

Tunnel aus "Nullen" und "Einsen"; © Thinkstock

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Angefangen von der Erstellung digitaler Werks-Editionen über die Modellierung von menschlichen Wanderungsbewegungen bis hin zur computergestützten Rekonstruktion historischer Gebäude und Anlagen – die Verbindung von Geisteswissenschaften und Informatik eröffnet nie dagewesene, weitreichende Möglichkeiten.

Die recht junge wissenschaftliche Herangehensweise der „Digital Humanities“ ist per se interdisziplinär ausgerichtet. Sie entwickelt neue Verfahren zur Analyse und Visualisierung von Forschungsdaten und eröffnet mit ihren sich ständig weiterentwickelnden Methoden vollkommen neue, faszinierende Zugänge zu vielfältigen Fragestellungen.

Doch wohin führt dieses Aufeinandertreffen von Geisteswissenschaften, Sozialwissenschaften, Informatik und Ingenieurwissenschaften? Was bedeutet die Arbeit mit neuen digitalen Quellen und Methoden? Welche Auswirkung hat dies darauf, wie wir forschen, Ergebnisse nutzen und verbreiten?

Mit der Förderrichtlinie (Bundesanzeiger vom 22.07.2019) fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) die theoretische, methodische und technische Weiterentwicklung der Digital Humanities. Es geht um interdisziplinäre Forschungsprojekte, die eine konkrete, anspruchsvolle geisteswissenschaftliche Forschungsfrage mithilfe von Herangehensweisen aus den Digital Humanities bearbeiten und dabei reflektieren, wie geisteswissenschaftliche Erkenntnisse gewonnen werden. Um der großen Bandbreite an geisteswissenschaftlichem Quellenmaterial auch über Texte hinaus gerecht zu werden, unterstützt das BMBF insbesondere die Forschung an nicht-textfokussierten und multimodalen Untersuchungsgegenständen wie die Kombinationen von Bild, Ton, Text.

Seit Januar 2021 erhalten dreizehn Verbundprojekte eine Förderung im Umfang von insgesamt rund 12 Mio. Euro. Mit interdisziplinären Herangehensweisen aus den Geisteswissenschaften, den Digital Humanities, der Informatik und den Ingenieurwissenschaften forschen die Projekte an unterschiedlichsten Fragestellungen aus den Bereichen Geschichte, Archäologie, Kulturanthropologie, Film, Musik, Sprache und Literatur.

Übersicht über die geförderten Projekte:

HistKI – Untersuchung, Modellierung und multimodale KI-basierte Unterstützung von Bildquellenrecherche und -kritik als komplexe und grundlegende geschichtswissenschaftliche Arbeitstechnik

Friedrich-Schiller-Universität Jena, Julius-Maximilians-Universität Würzburg, Ludwig-Maximilians-Universität München
Projektleitung: Jun.-Prof. Dr. Sander Münster, Dr.-Ing. Florian Niebling, Prof. Dr. Stephan Hoppe
Kurzbeschreibung: Fotografien und andere Abbilder von Architektur dienen in vielen historischen Wissenschaften als Quelle und Grundlage für fach- und theoriespezifische Untersuchungen. Das Vorhaben HistKI untersucht die Unterstützung und Modellierung von Bildquellenrecherche und -kritik als komplexe und grundlegende geschichtswissenschaftliche Arbeitstechnik durch multimodale KI-basierte Verfahren. Damit verbundene Teilfragen sind: Wie finden und beurteilen Historikerinnen und Historiker sowie andere Fachwissenschaftlerinnen und Fachwissenschaftler Bildquellen? Welche generischen Vorgehensweisen und Teilproblemstellungen lassen sich hierfür identifizieren? Wie lässt sich dies mit KI-basierten Ansätzen befördern? Wie wirken sich KI-Techniken auf den geisteswissenschaftlichen Forschungsprozess aus? Diese Fragen sollen anhand von ausgewählten Szenarien untersucht werden, in denen Bilder, Texte und 3D-Modelle zur Beschreibung von Architekturobjekten und städtebaulichen Ensembles für einen Analyseprozess synergetisch zusammenwirken.
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ClaReNet – Klassifikationen und Repräsentationen für Netzwerke. Von Typen und Merkmalen zu Linked Open Data bei keltischen Münzprägungen

Deutsches Archäologisches Institut, Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Projektleitung: Dr. David Wigg-Wolf, Dr. Karsten Tolle
Kurzbeschreibung: Die Klassifikation archäologischer Funde und ihre Repräsentation sind durch Medienwechsel geprägt. Durch die fortschreitende Digitalisierung ergeben sich neue Möglichkeiten des Klassifizierens aufgrund automatisierter Bilderkennungsverfahren und der Repräsentation von Funden im Netz mit Hilfe von Linked Open Data. Anhand dreier, jeweils für bestimmte Forschungsfragen und Problemstellungen exemplarisch ausgewählter keltischer Münzserien sollen im Projekt ClaReNet die Möglichkeiten und Grenzen neuer Klassifikations- und Repräsentationsverfahren getestet werden. Dazu werden traditionelle Ansätze der Typisierung und Merkmalserhebung in Numismatik und Archäologie mit informationstechnischen Klassifikationsverfahren, inkl. Deep Learning, verglichen. Unterschiedliche Datengranularitäten werden dabei evaluiert und standardisierte Normdaten gewonnen. Es wird ein erweiterbarer virtueller Verbundkatalog, celticcoinaige.org, für die untersuchten Münzserien eingerichtet. Er verlinkt auf öffentlich zugängliche Online-Sammlungsbestände sowie auf die nach FAIR-Prinzipien auf der Plattform "Antike Fundmünzen in Europa" online gestellten Daten und Digitalisate der in Deutschland gefundenen Münzen. Der Arbeitsprozess wird durch eine Science and Technology-Studie begleitet, die die Wissensproduktion und -zirkulation dokumentiert und zu einer Reflexion über die Veränderungen der Erkenntnisprozesse durch den Einsatz digitaler Werkzeuge und Algorithmen beiträgt.
Website: https://clarenet.hypotheses.org/

ChronBMM – Bayesian Mixture Models für die Datierung von Textkorpora

Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Projektleitung: PD Dr. Oliver Hellwig
Kurzbeschreibung: Ziel des Projekts ist die Entwicklung einer computergestützten Methode zur Datierung vedischer Texte. Diachrone korpuslinguistische Untersuchungen setzen voraus, dass die zeitliche Struktur des untersuchten Korpus bekannt ist. Bei vielen europäischen oder ostasiatischen Korpora ist diese Voraussetzung erfüllt und wirkt beinahe trivial. Die in der Forschung vorgeschlagenen Datierungen vormoderner indischer Texte hingegen weichen oft um mehrere Jahrhunderte voneinander ab. Besonders unsicher sind die Datierungen von Texten, die im vedischen Sanskrit (1300 - 400 v. Chr.) verfasst sind. Da das umfangreiche vedische Korpus eine wichtige Quelle für die linguistischen und sozio-kulturellen Entwicklungen im 2. und 1. Jahrtausend v. Chr. bildet, stellt die chronologische Unsicherheit ein erhebliches Problem für die sprach- und kulturgeschichtliche Forschung zum indischen Kulturraum dar. Das Projekt ChronBMM entwickelt probabilistische Bayessche Modelle (Bayesian mixture models, BMM), die anhand von linguistischen Merkmalen eine genauere Datierung dieser Texte ermöglichen. Dabei handelt es sich um (un-)gerichtete graphische Modelle und ihre Kombination mit Dirichlet-Prozessen. Hierzu zieht das Projekt ein breites Spektrum linguistischer Merkmalsklassen heran, inklusive der vedischen Syntax, die bislang nicht berücksichtigt wurde. Das Projekt wird sich insbesondere auf die frühe Hymnensammlung des Atharvavedas und die philosophiegeschichtlich bedeutsamen Upanisaden konzentrieren. Das Projekt arbeitet mit vedischen Texten, die entwickelten Modelle sind aber generisch und lassen sich auf vergleichbare Fälle wie frühe neu-indoarische Sprachen oder das epische Griechisch anwenden.
Website: https://chronbmm.phil.hhu.de/

Diskos – Komparation multimodaler Quellenkorpora der Musik

Universität Leipzig
Projektleitung: Prof. Dr. Josef Focht
Kurzbeschreibung: Obwohl sich musikalische Werke an unser Gehör richten, wird zu ihrer wissenschaftlichen Untersuchung bis heute im Wesentlichen der Notentext herangezogen. Dabei liegen Repräsentationen dieser Werke auch in anderen Formaten – etwa als Tonaufnahmen oder als Toninformationsträger (TIT) – vor. Während sich Tonaufnahmen als Audiosignale oder -daten auf Tonband, Schallplatte oder CD befinden, speichern TIT in einer Stanz- oder Lochcodierung auf Notenrollen, Papp- oder Metallplatten Bewegungsimpulse, die von Musikinstrumenten wie Ariston, Orchestrion oder Selbstspielklavier ausgelesen und wiedergegeben werden. Diese TIT sind bedeutende und bislang unerschlossene Quellen für die Musizierpraxis ihrer Zeit und sind Desiderata für Interpretationsforschung und musikalische Analyse. Voraussetzung für die Erforschung dieser multimodalen Quellenkorpora ist ihre Konversion in ein gemeinsames Austauschformat, welches Notentext, Tonaufnahmen und TIT vergleichbar, nachvollziehbar und automatisiert zusammenbringt. Prototypisch wird dafür in diesem Projekt der MIDI-Standard weiterentwickelt und ergänzt, und zwar um die Kodierung von Dynamik und Agogik. Damit werden quantitative und statistische Betrachtungen sowie die Bildung und Validierung von Hypothesen mit Mitteln der Digital Humanities überhaupt erst möglich. Ziel ist es, die zentralen Repositorien für musikalische Werke aus zwei Jahrhunderten – Noten, TIT, Audios – mit Distant-Reading-Methoden zu erschließen. In stilometrischer Untersuchung können beispielsweise anonyme Überlieferung dann identifiziert oder Personalstile in Tonaufnahmen erkannt werden. Das Verhältnis von Werk, Interpretation, Edition und Medienformat bildet den Kern weiterer Forschungsfragen.
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eTaRDiS – Exploration temporaler und räumlicher Daten in Immersiven Szenarien

Universität Bielefeld, Technische Universität Dortmund
Projektleitung: Prof. Dr. Silke Schwandt, Prof. Dr. Mario Botsch
Kurzbeschreibung: eTaRDiS hat es sich zum Ziel gesetzt, Perspektiven auf Ereignisse und Wandlungsprozesse erkennbar, erfahrbar und manipulierbar zu machen. Das Projekt stellt eine neue Methode zur Interpretation von (historischen) Ereignissen, Personen und Prozessen bereit, die neue Forschungsperspektiven und Fragen möglich macht. Ausgangspunkt für die Entwicklung von eTaRDiS ist der Datensatz des Digitalen Peters, also eine Sammlung von Ereignisdaten aus etwa fünf Jahrtausenden. Für diesen Datensatz wird ein Virtual Reality Interface entwickelt, das den Nutzerinnen und Nutzern direkten Zugriff auf die Ereignisdaten ermöglicht. So soll eine körperliche Interaktion mit den Daten möglich werden, um einen Erfahrungsraum zu suggerieren, der von der jeweiligen Perspektive abhängig ist. Historische Ereignisse können als Kugeln im Raum wie Planeten in einem Planetensystem angeordnet, betrachtet und bewegt werden. Am Beispiel eines Ereignisses wird außerdem das Potential von dreidimensionalen Videos erprobt, in denen die Nutzerinnen und Nutzer über das Interface an den Ereignissen teilnehmen können. Das Datenbank-Interface soll es Forschenden erlauben, eigene Datensätze zu erstellen und zu integrieren. Auf diese Weise kann Geschichte sowohl abstrakt als auch immersiv erforscht werden.
Website: https://digital-history.uni-bielefeld.de/etardis/

D-WISE – Digitale Wissenssoziologische Diskursanalyse. Multimodale Bedeutungsanalysen in Grounded Theory geleiteten Forschungsprozessen

Universität Hamburg
Projektleitung: Prof. Dr. Gertraud Koch
Kurzbeschreibung: Digitale Texte und Bilder prägen heutige Vorstellungen der Welt und sind wesentlich für diskursanalytische Forschungszugänge. Diese gehören mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen in geisteswissenschaftlichen Fächern zu den zentralen, qualitativen Forschungsstrategien. Trotz der bestehenden Fülle und stetig wachsenden Zahl an relevanten digitalen, multimodalen Diskursquellen sind Verfahren der Digital Humanities bisher nur unzureichend für diskursanalytische Zugänge erschlossen, Multimodalität und Modellierung von Bedeutungspluralität ungenügend berücksichtigt. Das Projekt D-WISE entwickelt neue informatische Analyseverfahren zum Einsatz von kontextorientierten Embedding-Repräsentationen und eine prototypische Arbeitsumgebung als digitale Unterstützung von wissenssoziologischen Diskursanalysen (WDA). Das Projekt arbeitet heraus, zu welchen Zwecken, wann und wie DH-Verfahren in qualitative diskursanalytische Wissensproduktion sinnvoll eingebunden werden. Zentrale Innovationen dieses Projekts sind a) die Verfügbarmachung relevanter DH-Verfahren in einer einheitlichen Arbeitsumgebung, welche Arbeitsschritte der WDA mit offenen Korpora und heterogenen, multimodalen Datenquellen für geistes- und sozialwissenschaftliche Nutzende unterstützt, b) die Erweiterung des Methodenspektrums durch die Entwicklung von kontextualisierten Embeddings zur verbesserten Modellierung von Bedeutungspluralität und integrierten Verarbeitung multimodaler Daten und c) die Ausrichtung methodologischer und technischer Innovation von DH-Verfahren an den epistemologischen Arbeitsweisen nach Grounded Theory (GT) als hermeneutischer Methodologie.
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textklang – Mixed-Methods-Analyse von Lyrik in Text und Ton

Universität Stuttgart, Deutsches Literaturarchiv Marbach
Projektleitung: Prof. Dr. Jonas Kuhn, Prof. Dr. Sandra Richter
Kurzbeschreibung: Das Verbundprojekt textklang entwickelt einen Mixed-Methods-Ansatz für die systematische Untersuchung der Beziehung zwischen literarischen Texten, insbesondere Lyrik, und ihrer (möglichen) lautsprachlichen Realisierung bei der Rezitation oder musikalischen Aufführung. Hypothesen zu Wechselbeziehungen zwischen Aspekten der Text(be)deutung und prosodischen Sprachmerkmalen können auf der Grundlage von Audio-Aufnahmen und digitalisierten Notendrucken systematisch entwickelt werden. Hierfür werden Methoden und Werkzeuge für eine empirische Überprüfung der Hypothesen (a) durch eine systematische Suche nach vergleichbaren Passagen im Korpus und (b) durch Resynthese mit kontrollierter Variation sonischer Parameter im Rahmen von vergleichenden Perzeptionsexperimenten entwickelt. Zudem werden multimodale Fallstudien und ihre literaturwissenschaftliche Einbettung erarbeitet. Erwartetes Ergebnis ist die theoretisch fundierte technische Bereitstellung eines multimodalen Analysesettings für weitere Forschungsunterfangen aus den computergestützten literatur-, sprach- und musikwissenschaftlichen Fächern, die sich für literarische Texte und ihre lautsprachliche, klangliche Realisierung interessieren.
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Φως 4D – Werkzeug zur Affordanz-basierten Tageslichtanalyse in antiken Häusern mittels Simulation

Technische Universität Darmstadt, Universität Leipzig
Projektleitung: Prof. Dr. Franziska Lang, Prof. Dr. Charlotte Schubert
Kurzbeschreibung: Bisherige Forschungen zu antiken Wohnhäusern widmeten sich in erster Linie der Architektur und der Funde in ihren Räumen, um Fragen zu Ausstattung, Funktion und Aktivitäten zu beantworten. Das Projekt ergänzt diese Untersuchungen durch die Berücksichtigung des Tageslichts und seiner Rolle in antiken Häusern. Die Verfügbarkeit von Tageslicht strukturiert und bestimmt die multimodalen Nutzungsmöglichkeiten (Affordanz) des gebauten Raums im Tages- und Jahresverlauf. Ziel des Projekts ist es, eine Metrik zu entwickeln, die auf der Basis digitaler Rekonstruktion und Computersimulation das verfügbare Tageslicht und die daran gebundenen Nutzungsmöglichkeiten in antiken Wohn- und Werkräumen zusammenfasst. Die Affordanz-basierte Untersuchung der komplexen Interaktion von Licht, Architektur, Artefakt und Mensch mit Simulationen stellt einen völlig neuen Ansatz antiker Wohnhausforschung dar, der einzig durch analytisch-empirische (Geisteswissenschaften) und experimentelle Methoden (Ingenieurwissenschaften) eines Teams aus Archäologie, Bauforschung, Althistorie und Tageslichttechnik möglich wird. Darüber hinaus hat sie ein paradigmatisches Potential hinsichtlich des Einsatzes digitaler Methoden in der historischen Forschung. In diesem interdisziplinären und dynamischen Kontext sind die Geisteswissenschaften besonders gefordert, die theoretischen Grundlagen der Methodik kritisch zu reflektieren.
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NACHWUCHSGRUPPE
DAVIF – Ästhetiken des Zugangs. Datenvisualisierungen in der digitalen Filmgeschichtsschreibung am Beispiel der Forschung zu Frauen im Frühen Kino

Philipps-Universität Marburg
Projektleitung: Dr. Sarah-Mai Dang
Kurzbeschreibung: Bis in die 1990er Jahre war es in der Filmwissenschaft ein Gemeinplatz, dass Frauen in den Anfangsjahren der Filmproduktion nur eine untergeordnete Rolle spielten. Noch heute werden die Errungenschaften von Frauen meist in Fußnoten abgehandelt. Dabei wissen wir dank der zunehmenden Forschung zum Frühen Kino, dass Frauen seit Beginn der Filmgeschichte einen überraschend großen und zudem vielfältigen Einfluss in der Filmindustrie weltweit gehabt haben. Aufgrund zahlreicher unerwarteter Entdeckungen zählt zu den zentralen Herausforderungen feministischer Filmforschung heute, nicht nur eine andere Geschichte zu erzählen, sondern Geschichte(n) anders zu erzählen. Vor diesem Hintergrund untersucht die Nachwuchs-Forschungsgruppe die Potentiale und Herausforderungen digitaler Technologien für die Filmgeschichtsschreibung. Dabei geht sie sowohl theoretisch als auch praktisch-explorativ vor. Neben theoriegeleiteten Fallstudien zu datenbasierten Formen digitaler Repräsentation (Graphiken, Daten-Essays, interaktive Webdokumentationen) sollen ausgewählte Visualisierungsverfahren erprobt, analysiert und weiterentwickelt werden. Dafür greift sie auf Daten und Quellen des internationalen Women Film Pioneers Project und des Deutschen Filminstitut & Filmmuseum zurück. Im Kern film- und medienwissenschaftlich ausgerichtet, bezieht sich das Projekt auf Ansätze der Geschichtswissenschaft, Bibliotheks- und Archivwissenschaft, Informatik, Science and Technology Studies, Critical Data Science. Es verknüpft eine interdisziplinäre Diskursanalyse mit einem anwendungsbezogenen Forschungsansatz.
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Exzerpt-Portal – Exzerpte. Zur digitalen Erschließung und Edition einer besonderen Text-Bild-Konstellation – am Beispiel Johann Joachim Winckelmanns

Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Technische Universität Darmstadt
Projektleitung: Prof. Dr. Elisabeth Décultot, Prof. Dr. Paul Molitor, Prof. Dr. Andrea Rapp
Kurzbeschreibung: Ziel des Verbundprojekts ist es, die hybride Formation des Exzerpts zu untersuchen, einer Lese- und Schreibtechnik, deren Bedeutung für die neuzeitliche Wissensproduktion und Theoriebildung, aber auch für zentrale Fragen der Autorschaft bislang nicht angemessen gewürdigt worden ist. Das Verbundprojekt umfasst eine geisteswissenschaftliche und eine informatische Komponente, verbunden durch eine Digital-Philology-Komponente. Ein Ziel des Verbundprojekts ist die digitale Edition der für die Geschichte der Geisteswissenschaften zentralen kunsttheoretischen Schrift J. J. Winckelmanns „Gedancken über die Nachahmung“, 2. Aufl., 1756, die mittels der Verknüpfung dreier Korpora – gelesene Quellen, Exzerpte aus diesen Quellen, gedruckte Schrift Winckelmanns – die lange Kette der textlichen und bildlichen Tradierung bzw. Transformation sichtbar macht. Ein weiteres Ziel ist die Entwicklung einer digitalen Methodik zum Auffinden semantischer Querverbindungen zwischen einer gegebenen multilingualen Exzerptsammlung, den dafür verwendeten multilingualen Quellen und den daraus entstandenen Werken. Aus der Zusammenarbeit zwischen Literaturwissenschaft und Informatik soll ein digitales Portal entstehen, das sowohl ein Repositorium von Exzerptbeständen (mit Quellen und Werken) bildet als auch Möglichkeiten der hermeneutischen Auswertung solcher Dokumente bietet. Exzerptsammlungen sollen hiermit einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden und mit Hilfe digitaler Werkzeuge neue Forschungen generieren.
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InsightsNet – Entwicklung einer Meta-Methodik und eines konzeptuellen Rahmens zur transdisziplinären Tiefenerschließung und Analyse multimodaler digitaler Objekte. Demonstriert an den Use Cases KI- und Klimawandel-Diskurse

Technische Universität Darmstadt, Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt
Projektleitung: Dr. Sabine Bartsch, Dr. Mark Azzam
Kurzbeschreibung: Ziel des Verbundprojekts ist die Entwicklung und Implementierung eines Konzepts zur Tiefenerschließung von Datenbeständen, die über das bloße Auffinden von Objekten hinausgeht. Dies soll eine Vernetzung zwischen multimodalen digitalen Objekten ermöglichen, die eine wirkliche Generierung von Wissen auf der Grundlage digitaler Sammlungen ermöglicht. Dazu werden Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftler sowie Informatikerinnen und Informatiker gemeinsam der Frage nachgehen, wie sich etablierte und neue Methoden der Geisteswissenschaften nutzen lassen, um bislang unvernetzte Wissensbestände durch die Identifikation und Klassifizierung relevanter Verbindungen zwischen Objekten/Entitäten besser zu vernetzen. Etablierte ebenso wie neue Methoden sollen in einem iterativen Prozess auf Korpora mit dem Ziel angewendet werden, inhaltlich-thematische Ähnlichkeiten und Verbindungen anhand von algorithmisch und hermeneutisch untersuchbaren Merkmalen zu identifizieren, zu explizieren und mit dem Ziel einer persistenten Vernetzung zwischen Wissensobjekten sichtbar und damit zugreifbar zu machen.
Website: https://insightsnet.org/

ModelSEN – Sozio-epistemische Netzwerke: Modellierung historischer Erkenntnisprozesse

Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte
Projektleitung: Dr.-Ing. Dirk Wintergrün
Kurzbeschreibung: Die zunehmende Vernetzung von Wissen in den schnell kommunizierenden Knoten des Internets führt zu einer inhärent dynamischen Wissensgenese. Aufbauend auf dem theoretischen Ansatz sozio-epistemischer Netzwerke zur Darstellung von Wissenssystemen werden in diesem Projekt anhand historischer Fallstudien graphentheoretische und agentenbasierte Modelle entwickelt, um die Dynamik der Wissensgenese in einer hochgradig vernetzten Gesellschaft besser verstehen zu können. Ziel des Projekts ist darüber hinaus die Entwicklung und Bereitstellung eines gemeinsamen Methodenkanons für die historische Netzwerkforschung. Dies bedarf sowohl theoretischer als auch technischer Entwicklungen. Auf der theoretischen Ebene soll der Ansatz von sozio-epistemischen Netzwerken zur Beschreibung dynamischer Wissenssysteme weiterentwickelt werden. Dabei soll er zu einem Instrumentarium ausgebaut werden, das eine formale Beschreibung von Wissenssystemen erlaubt, die erstens disziplinübergreifend eingesetzt werden kann, um unterschiedliche Netzwerkstudien in der historischen Forschung miteinander vergleichbar zu machen, die es zweitens ermöglicht, diese Studien zu integrieren und drittens die Option eröffnet, die Dynamik von historischen Wissenssystemen besser zu beschreiben und zu verstehen. Auf der technischen Ebene werden konkret Ansätze zur Modellierung von historischen Fragestellungen zusammengeführt: auf der einen Seite die semantische Modellierung von Wissenssystemen, aus denen sich Graphen und Multilayer-Netzwerke ergeben, die mit numerischen Methoden analysiert werden können, und auf der anderen Seite die agentenbasierte Modellierung von sozialen Prozessen, die zur dynamischen Ausbildung der empirisch beobachteten semantischen Netze führt.
Website: https://www.mpiwg-berlin.mpg.de/de/node/7853

MPJ – Modellierung prähistorischen Jagdverhaltens

Universität zu Köln

Projektleitung: Prof. Dr. Eleftheria Paliou, Dr. Tilman Lenssen-Erz
Kurzbeschreibung: Ziel des Projekts ist es, die empirischen Grundlagen theoretischer und computergestützter Modelle über prähistorisches Jagdverhalten zu verbessern und zu erweitern. Dazu werden indigene Expertinnen und Experten in Namibia bei ihren traditionellen Jagdzügen, d. h. zu Fuß und ohne Feuerwaffen, optische Hilfen oder Jagdhunde begleitet. Die damit verbundenen Daten (GPS-Bewegungspfade, Kalorienverbrauch, Video- und Audioaufzeichnungen über Entscheidungsfindungsprozesse usw.) werden erhoben, um Einblicke in das menschliche Verhalten während der Jagd, physische Einschränkungen der menschlichen Mobilität sowie Wechselwirkungen zwischen Mensch, Tier und Umwelt zu gewinnen. Bislang wurden solche Daten nicht direkt erhoben, sondern theoretisiert oder aus anderen Kontexten hergeleitet. Diese Informationen werden anschließend in bestehende theoretische und computergestützte Modelle von Jäger-Sammler-Gesellschaften integriert, insbesondere in agentenbasierte Modelle (agent-based models, ABM), um dynamische Aspekte des menschlichen Verhaltens in der Landschaft zu simulieren. Es ist davon auszugehen, dass die gesammelten Daten und die vorgeschlagenen computergestützten Modelle zu einem besseren Verständnis der Praktiken von Jägern und Sammlern in ariden Landschaften beitragen und die theoretischen Bemühungen zum Aufbau von Modellen in der Archäologie weiter voranbringen werden. Darüber hinaus werden sie die Entwicklung von Berechnungsansätzen fördern, die besser auf die Bedürfnisse der Archäologie und darüber hinaus der Jäger-Sammler-Forschung im Allgemeinen zugeschnitten sind.
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