Neue Strukturen – neue Erkenntnisse: Das Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ)

Ortsverteilt, interdisziplinär, transferorientiert und datenbasiert - das Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ) ist deutschlandweit einzigartig. Das vom BMFTR geförderte FGZ besteht seit 2020 und hat bereits maßgeblich zur Strukturbildung beigetragen. Wie konnte das gelingen?

Im Interview: Rebecca C. Schmidt, Administrative Geschäftsführerin des FGZ, Standort Frankfurt

Der Name ist Programm: Das Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ) analysiert als Verbund aus elf Hochschul- und Forschungseinrichtungen die gegenwärtigen Herausforderungen, mit denen gesellschaftlicher Zusammenhalt konfrontiert ist, aus einer breiten interdisziplinären Perspektive.

Frau Schmidt, warum ist das Thema Zusammenhalt so bedeutend, dass eigens dafür ein gänzlich neues Forschungsinstitut aufgebaut werden soll?

Rebecca C. Schmidt, Administrative Geschäftsführerin des FGZ, Standort Frankfurt

Rebecca C. Schmidt, Administrative Geschäftsführerin des FGZ, Standort Frankfurt

Uwe Dettmar

Gesellschaftlicher Zusammenhalt steht heute vor großen Herausforderungen: Klimawandel, Pandemie und internationale Konflikte treffen auf soziale Ungleichheiten und wirtschaftliche Unsicherheit; unterschiedliche Lebenswelten, Meinungen und Interessen scheinen sich immer weiter auseinanderzubewegen und Institutionen, demokratische Prozesse und Medien stoßen auf wachsende Skepsis und Ablehnung.

Zusammenhalt kann durch diese Probleme gefährdet sein, aber auch zu deren Bewältigung dienen. Was hält eine Gesellschaft zusammen, wenn sich die Welt rasant verändert? Und wie kann dabei ein demokratischer Zusammenhalt entstehen? Wir im FGZ haben den Anspruch, diese Debatten wissenschaftlich zu begleiten, ihre begriffliche und empirische Basis zu stärken und ihnen durch Transferaktivitäten neue Impulse zu geben.

Das FGZ ist deutschlandweit einzigartig. Wie konnte es gelingen, so viele Standorte und Perspektiven unter einen Hut zu bringen?

Für das FGZ gab es in der bisherigen Forschungslandschaft keine institutionelle Blaupause: Es galt die unterschiedlichen disziplinären Forschungsstränge zum Thema gesellschaftlicher Zusammenhalt systematisch zusammenzuführen und weiterzuentwickeln. Dies gelang zum einen durch ein gemeinsam erarbeitetes Forschungsprogramm und eine passende Organisationsstruktur. So konnten die Profile und Kompetenzen von elf regional verteilten Standorten, die aus einem kompetitiven Auswahlverfahren hervorgegangen sind, und etwa 180 Mitgliedern zu einem strategie- und innovationsfähigen Institut vereint werden. Das war zu Beginn nicht einfach, zumal der Aufbau mitten in die Coronapandemie fiel. Zahlreiche Forschungsprojekte, in denen Daten zu erheben waren, und viele der geplanten Transferformate mit der Öffentlichkeit hatten unter erheblichen Einschränkungen zu kämpfen. Gleichzeitig führte dies zu einem Digitalisierungsschub, der sich für ein ortsverteiltes Institut als essentiell erwiesen und sicherlich vieles beschleunigt hat. Der Aufbau, die erste Förderphase 2020-2024 und das aktuelle Forschungs- und Transferprogramm der zweiten Förderphase 2024-2029 wurden mit dem Ergebnis erfolgreicher externer Begutachtungen gewürdigt und bewilligt.

Und wie hat sich die spezielle dezentrale Projektstruktur auf die Weiterentwicklung des Forschungsfelds ausgewirkt?

Unsere elf Standorte vervielfachen die Reichweite des FGZ bundesweit und bilden die regionale Verankerung und Diversität gesellschaftlichen Zusammenhalts ab. Sie bringen dabei jeweils eigene (inter-)disziplinäre Schwerpunkte, methodische Kompetenzen und Transferexpertisen in das FGZ ein. Die Standortprofile von Bielefeld, Bremen, Frankfurt, Göttingen und Leipzig fokussieren Zusammenhalt aus der Ungleichheits-, Konflikt- und Demokratieforschung. Die Standorte Berlin, Hamburg, Jena, Konstanz und Leipzig wiederum thematisieren Diskurse, Praktiken und Strukturen des Zusammenhalts geschichts-, kultur-, medien- und kommunikations­wissenschaftlich. Bielefeld, Göttingen, Halle, Hannover und Leipzig konzentrieren sich auf Aspekte der sozialräum­lichen und infrastrukturellen Gestaltung von Zusammen­halt. Diese Schwerpunkte sind selbstverständlich nur Verdichtungen in einem engen Netzwerk standortübergreifender Themenfelder.

Was bedeutet das FGZ für den Wissenschaftsstandort Deutschland?

Die Gründung des FGZ hat an den beteiligten Einrichtungen und für den Wissenschaftsstandort Deutschland in strukturbildender Weise zu einer Verankerung und Vernetzung der Zusammenhaltsforschung geführt. Zusammen mit seinen wissenschaftlichen Kooperationen und Praxispartnern hat sich das FGZ als zentrale Adresse der Zusammenhaltsforschung und als wirkungsvoller Ort des Wissensaustauschs zum gesellschaftlichen Zusammenhalt etabliert.

Welche Rolle spielt der Dialog mit der Praxis?

Forschung am FGZ findet im Dialog mit der Praxis statt. Dies ist ein integraler Bestandteil des Selbstverständnisses am FGZ. Wir bieten ein breites Spektrum an Formaten an, die auf diverse gesellschaftliche Akteure zugeschnitten sind. Dazu zählen unter anderem Beratungs- und Austauschangebote für die Politik, wie unser digitaler HelpDesk; interaktive Bildungsangebote, wie die Plattform „Solidaritätsgeschichten“, die Protestdatenbank „Protestlandschaft Deutschland“ oder der „Milieu- und Klimatypenrechner“; lokale Veranstaltungen, wie die deutschlandweite Reihe „Zusammenhalt ist“ oder das Debattenformat „StreitClub“ mit Schulklassen sowie multimediale Formate, wie die preisgekrönte YouTube-Reihe „FGZ Tapes“.

Das FGZ arbeitet nicht nur transferorientiert, sondern auch datenbasiert mit eigener Dateninfrastruktur. Was haben Sie aufgebaut?

Zur Erforschung des gesellschaftlichen Zusammenhalts benötigt das FGZ wissenschaftliche Daten. Ein zentraler Erfolg des FGZ ist der Aufbau des Forschungsdatenzentrums (FDZ) zur Erhebung, Dokumentation und Weitergabe von Forschungsdaten. Eine einzigartige Reihe von Datenerhebungen bietet seither u.a. durch den Zusammenhaltsbericht sowie den Datenmonitor eine empirisch fundierte Basis für gesellschaftliche Debatten und politische Entscheidungen. Unser German Social Cohesion Panel ist zum Beispiel eine repräsentative Längsschnittbefragung mit über 12000 Haushalten. Darüber hinaus befragen wir im Regionalpanel 12 Kommunen, führen ausführliche Einzelinterviews in 90 Haushalten wiederholt durch und analysieren im Social Media Observatory digitale Diskurse.

Wie bringen Sie Struktur in Ihre Forschungen?

Unsere bisherige Arbeit beruht auch auf einer leistungsfähigen Forschungsstruktur. In den vier Themenfeldern sind die Forschungs- und Transfervorhaben in 39 Arbeitspakete organisiert. Die vier Themenfelder gliedern sich nach gesellschaftlichen Kontexten, in denen sich jeweils spezifische Beanspruchungen und Gefährdungen des gesellschaftlichen Zusammenhalts zeigen. Diese lassen sich, auch in vergleichender Perspektive, zu Kernfragen demokratischen Zusammenhalts verdichten. Die Teams der Themenfelder arbeiten in allen Schwerpunkten interdisziplinär und standortübergreifend zusammen. Dadurch werden der Forschungsprozess selbst und die aus ihm hervortretenden Ergebnisse und Erkenntnisse von Beginn an gebündelt und kollaborativ strukturiert. Über die interne Zusammenarbeit hinaus wird dieses Ziel maßgeblich durch den systematischen Austausch mit einem breiten wissenschaftlichen und internationalen Netzwerk externer Kooperationspartner befördert.

Und wie sorgen Sie bei 11 Instituten für internen Zusammenhalt? Wie haben Sie die Zusammenarbeit organisiert?

Organisatorisch ist der Institutsrat des FGZ das höchste Beschlussorgan. In ihm sind alle elf Standorte und der akademische Mittelbau vertreten. Das Direktorium ist mit der wissenschaftlichen und administrativen Leitung des FGZ beauftragt. Die interne Fachberatung und Strategieplanung findet in Ausschüssen statt sowie in der Strategiekommission. Das FGZ wird darüber hinaus von einem Wissenschaftlichen Beirat sowie einem Praxisrat extern beraten. Zu den Querschnittsbereichen und zentralen Services der ortsverteilten Geschäftsstelle zählen unter anderem die allgemeine Administration, das Forschungsdatenzentrum, die Abteilung Wissenschaftskommunikation sowie die Bereiche Publikationen, Karriereentwicklung, Internationalisierung und Fellowprogramm.

Mit dem FGZ wurde ein neues Forschungsfeld etabliert – „Gesellschaftlicher Zusammenhalt“. Was verbirgt sich alles dahinter?

Das FGZ hat ein eigenes Verständnis von Zusammenhalt entwickelt – und dadurch fokussierte Forschung zu dieser schillernden Vokabel auf den Weg gebracht. Gesellschaftlicher Zusammenhalt zeigt sich vor diesem Hintergrund als vielgestaltig, weil z.B. hierarchie-, netzwerk- oder familienorientierte Ebenen des Zusammenhalts unterschieden werden können. Gesellschaftlicher Zusammenhalt zeigt sich auch als komplex, weil wir es mit ineinander verschachtelten Zusammenhalten im Plural zu tun haben. Hinzu kommen Dynamiken der Inklusion. Gesellschaftlicher Zusammenhalt zeigt sich zudem als ambivalent, weil es Gefährdungen auch durch ein zu viel an Zusammenhalt oder undemokratische Konzeptionen von Zusammenhalt geben kann.

Die bisherigen Forschungsergebnisse des FGZ zum Begriff, den Quellen und Gefährdungen sowie zu den regionalen und historischen Variationen des Zusammenhalts haben wir in zahlreichen Fachpublikationen und einer zentralen Schriftenreihe vorgelegt. Eigens dafür haben wir eine Publikationsdatenbank mit allen im Rahmen des FGZ entstandene Publikationen aufgebaut. Reinschauen lohnt sich, hier ist für jeden etwas dabei.

Herzlichen Dank für Ihre Einblicke ins FGZ, liebe Frau Schmidt!

(Das Interview erfolgte schriftlich am 7. Dezember 2025; Fragen: Katrin Schlotter)
 

Das Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ)

Das Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ) ist ein interdisziplinäres, transferorientiertes und ortsverteiltes Institut. Es besteht seit 2020 und wird vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) gefördert. Das FGZ verbindet Grundlagenforschung zum gesellschaftlichen Zusammenhalt mit anwendungsnaher Forschung zu aktuellen Herausforderungen aus einer Vielfalt an disziplinären Perspektiven.

Der Wissenstransfer am FGZ reicht von klassischer Politikberatung über öffentliche Formate, in denen Ergebnisse für unterschiedliche Zielgruppen aufbereitet werden. Wissenstransfer umfasst am FGZ darüber hinaus die Ko-Produktion von Wissen mit einem breiten Netzwerk an Praxispartner:innen.

Die elf Standorte – acht Universitäten und drei außeruniversitäre Forschungseinrichtungen – bringen sich mit jeweils eigenen Profilen in das FGZ ein. Sie vervielfachen die bundesweite Reichweite unserer Forschungs- und Transferaktivitäten. Gleichzeitig bilden sie die regionale Verankerung und Diversität gesellschaftlichen Zusammenhalts ab.

Das FGZ ist deutschlandweit einzigartig, denn es arbeitet:

➜ ortsverteilt an 11 universitären und außeruniversitären Standorten,
➜ interdisziplinär mit über 20 Fachrichtungen,
➜ transferorientiert mit über 140 Praxispartner:innen und
➜ datenbasiert mit eigener Dateninfrastruktur.

Das aktuelle Forschungsprogramm

Im aktuellen Forschungs- und Transferprogramm der zweiten Förderphase (2024–2029) blicken rund 200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf die Bedeutung von Vielfachkrisen für gesellschaftlichen Zusammenhalt. Wie wird der gesellschaftliche Zusammenhalt in Zeiten der Transformation gefährdet? Aber auch: Wie wird Zusammenhalt unter diesen Herausforderungen wirksam? Ein besonderer Fokus unseres Programms liegt dabei auf den Kriterien eines demokratischen Zusammenhalts. Wann ist Zusammenhalt demokratisch? Wie und wodurch besteht demokratischer Zusammenhalt im weltweiten Vergleich und im Wettbewerb mit alternativen Konzeptionen?