Zwischen Likes und Hasskommentaren: Interview mit der Koordinatorin eines BMBF-Verbundprojekts zu Journalismus-Publikums-Beziehungen

Konsens, Partizipation, Polarisierung und Medienfeindlichkeit; diese Schlagworte fallen oft, wenn es um das Kommunizieren in der digitalen Welt geht. Wie Kommunikation gelingt, hängt von den Beziehungen zwischen Journalist/innen und ihrem Publikum ab, so die These des BMBF-Verbundprojekts der Universitäten Münster, Erfurt und Tübingen.

Was die Forscherinnen aus dem Kleinen Fach Journalistik erreichen wollen, erfahren Sie im Interview mit der Verbundkoordinatorin Juniorprofessorin PD Dr. Helena Stehle.

Was ist die Idee hinter Ihrem Projekt „Journalist/innen und ihr Publikum im digitalen Zeitalter. Wechselseitige Erwartungen und ihre Folgen für Journalismus-Publikums-Beziehungen und öffentliche Meinungsbildung“?

Dr. Helena Stehle

Jun.-Prof., PD Dr. Helena Stehle, Koordinatorin des BMBF-Verbundprojekts und Leiterin des Teilprojekts in Münster, Westfälische Wilhelms-Universität Münster, Institut für Kommunikationswissenschaft

Sandra Wolf

Der Ausgangspunkt unseres Projekts waren die besonderen Kommunikationsbedingungen in der digitalen Welt, die Auswirkungen auf die Beziehung und den Austausch zwischen Journalist/innen und ihrem Publikum haben – in positiver wie in negativer Weise. So ist online ein direkter Kontakt beider Seiten möglich, was zu konstruktiven Diskussionen und gemeinsamen Rechercheprojekten, aber auch zu Hasskommentaren führen kann. Vor diesem Hintergrund stellte sich uns die Frage, woran es liegt, dass manche Journalismus-Publikums-Beziehungen gelingen und andere scheitern, und welche Folgen dies z. B. für die öffentliche Meinungsbildung in einer Demokratie haben kann. Unsere Annahme ist dabei, dass erfüllte bzw. nicht erfüllte Erwartungen an das jeweilige Gegenüber eine zentrale Rolle spielen. Dabei knüpfen wir an bestehende Erkenntnisse aus der Forschung an, die wir genauer in den Blick nehmen und mithilfe unserer Literatur- und Theoriearbeit sowie fünf aufeinander aufbauenden empirischen Studien vertiefend analysieren.

In drei Teilprojekten untersuchen Sie anhand von Befragungen, wie reziproke Erwartungen und deren Erfüllung bzw. Verletzung Journalismus-Publikums-Beziehungen und gesellschaftliche Entwicklungen beeinflussen. Wonach fragen Sie?

Uns interessieren vor allem drei Aspekte: Erstens, welche Erwartungen Journalist/innen und Publikumsvertreter*innen aneinander haben, insbesondere an die Interaktion miteinander. Zweitens, welche Folgen es hat, wenn diese Erwartungen erfüllt bzw. nicht erfüllt werden. Und drittens, welche Faktoren dabei eine Rolle spielen, ob Erwartungserfüllungen bzw. -verletzungen als positiv oder negativ wahrgenommen werden.

Was bedeutet Ihr Verbundprojekt für das Kleine Fach Journalistik? An Ihren Standorten und in der Science-Community?

PD Dr. Nicole Podschuweit

PD Dr. Nicole Podschuweit, Leiterin des Teilprojekts in Erfurt, Universität Erfurt, Seminar für Medien- und Kommunikationswissenschaft

Wir wollen mit unserem Verbundprojekt die Journalistik stärken, indem wir auf der einen Seite das Kleine Fach an den Universitäten in Münster, Erfurt und Tübingen kontinuierlich mit sichtbar machen: mit Vorträgen und Kooperationen mit Kolleg/innen anderer Felder, aber auch mit Lehrveranstaltungen und Abschlussarbeiten. Auf der anderen Seite wollen wir innerhalb der Scientific Community und gemeinsam mit den Kolleg/innen, die in der Journalistik arbeiten, weiter zum Erkenntnisfortschritt des Faches beitragen – und damit dessen Bedeutung in der Gesellschaft stärken. Wir schließen dabei an viele Themen der Journalistik, aber auch weiterer Felder und Disziplinen an und bringen durch unseren Projektfokus auf digitale Kontexte und Erwartungen zugleich neue Blickwinkel ein. Wir stellen unsere Erkenntnisse z. B. auf Tagungen oder in Fachzeitschriften vor und diskutieren sie mit Kolleg/innen. Uns ist dieser Austausch sehr wichtig und so vernetzen wir uns nicht zuletzt mit weiteren Journalistik-Standorten im In- und Ausland. Wir werden z. B. Kolleg/innen zu einem internationalen Workshop einladen, bei dem wir zu unserem Themenfeld diskutieren möchten.

Wie stellen Sie sich den Transfer der Ergebnisse in die journalistische bzw. wissenschaftliche Praxis vor?

Dr. Hanne Detel

Dr. Hanne Detel, Leiterin des Teilprojekts in Tübingen, Eberhard Karls Universität Tübingen, Institut für Medienwissenschaft

Während der gesamten Projektlaufzeit zielen wir auf einen engen Kontakt zur journalistischen Praxis, um kontinuierlich deren Erfahrungen und Einschätzungen einbeziehen zu können. Dies ist gerade bei einem Thema wichtig, das auch aktuelle Entwicklungen wie z. B. technische Veränderungen von Kommunikationsplattformen in den Blick nimmt. So arbeiten wir beispielsweise in unserer ersten empirischen Phase mit Fallstudien und befragen sowohl Journalist/innen als auch Publikumsvertreter*innen. Auch der Transfer der Ergebnisse in die Praxis und Öffentlichkeit ist explizit Teil des Projekts. Hierfür ist u. a. eine öffentliche digitale Ringvorlesung geplant und wir informieren auf unserer Projektwebseite oder auf Twitter (@_JAR_Project) regelmäßig über neue Ergebnisse.

Welche Schnittstellen zu anderen Forschungsfeldern und Disziplinen finden Sie spannend?

Unser Projekt hat zahlreiche Verbindungslinien zu angrenzenden Feldern innerhalb der Kommunikationswissenschaft und in anderen Disziplinen. So arbeiten wir z. B. Erkenntnisse der interpersonalen und organisationalen Kommunikationsforschung oder der Publikumsforschung ebenso ein wie Erkenntnisse aus der Politikwissenschaft oder der Psychologie. Diese Schnittstellen machen das Projekt für uns und mich so besonders und sehr spannend.

Vielen Dank für Ihre Einschätzung!

Kurzinfo zum BMBF-Verbundprojekt 

Seit Mai 2021 wird das BMBF-Verbundprojekt „Journalist*innen und ihr Publikum im digitalen Zeitalter. Wechselseitige Erwartungen und ihre Folgen für Journalismus-Publikums-Beziehungen und öffentliche Meinungsbildung“ drei Jahre lang im Rahmen der BMBF-Förderlinie „Kleine Fächer – Zusammen stark“ mit insgesamt mehr als 1,3 Millionen Euro gefördert. Beteiligt sind die Universitäten Münster, Erfurt und Tübingen.

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