Merian Centre CALAS: „Fest des Wissens“ zum Thema Anthropozän

Am 15. Juni 2023 hat das Merian Centre CALAS an der Universität Guadalajara das „CALAS-Fest des Wissens: ökologische Krisen und alternative Praktiken im Anthropozän“ ausgerichtet - und inspirierende Ansätze zu einer sozial und ökologisch gerechteren und nachhaltigeren Welt entwickelt.

Im Interview: Prof. Dr. Olaf Kaltmeier, Direktor des BMBF-geförderten Maria Sibylla Merian Center for Advanced Latin American Studies (CALAS)

Überall auf der Welt verschärfen sich Umweltkrisen und soziale Ungleichheiten. Diese multiplen Krisen werden unter dem Begriff „Anthropozän“ zusammengefasst. Wie sieht die lateinamerikanische Perspektive auf das Anthropozän aus?

Prof. Dr. Olaf Kaltmeier

Prof. Dr. Olaf Kaltmeier, Professur für allgemeiner Geschichte mit besonderer Berücksichtigung der iberoamerikanischen Geschichte, Universität Bielefeld

Olaf Kaltmeier

Heute wird der geologische Marker für den Beginn des Anthropozäns rund um das Jahr 1950 festgemacht, wobei die industrielle Revolution als Hauptausgangspunkt gesehen wird. Hier kann auf die rauchenden Fabrikschlote von Manchester verwiesen werden. Doch genau diese zeitliche Einordnung wird aus lateinamerikanischer Perspektive kritisiert werden. So hängt auch die industrielle Dynamik in Manchester an der Zulieferung von Baumwolle für die Textilproduktion oder von Zucker als Kaloriengrundlage für die Arbeiterschaft. Damit wird dann der Blick auf die Entstehung der Plantagenwirtschaft an den Atlantikküsten der Amerikas gerichtet. Ebenso hervorzuheben ist der Mega-Bergbau, der im Zuge der europäischen Kolonialisierung Lateinamerikas entstand, wie sie sinnbildlich im System Potosí – dem Silberbergbauzentrum im heutigen Bolivien – zum Ausdruck kommt. Mit dem dort gewonnenen Silber wurde die Grundlage für die kapitalistische Entwicklung Westeuropas und auch für die dann folgende Industrialisierung gelegt. Megabergbau und Plantagenwirtschaft sind nicht nur graduelle Änderungen in der menschlichen Nutzung von Umwelt, sondern markieren einen grundlegenden, planetaren Bruch im sozialen Metabolismus, d.h. im Umgang, der Verwendung und der Vernutzung von Naturressourcen. Zudem weist die lateinamerikanische Debatte hier auf die hervorgehobene Bedeutung von Kolonialität für die Entstehungsgeschichte des Anthropozäns hin. Allgemein besteht in Lateinamerika eine weitaus größere Sensibilität, das Anthropozän mit Fragen von Kapitalismus und Kolonialität zusammenzudenken. Das ist gerade für ein Zentrum wie das CALAS interessant, weil damit auch die Expertise der Geistes- und Sozialwissenschaften gefragt ist.  

Auf dem Fest des Wissens haben Sie Ihre neuesten Forschungen rund um das Thema Anthropozän vorgestellt und sich mit verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen ausgetauscht. Welche Themen standen im Fokus? Was war besonders spannend?

An erster Stelle ist hier das Format der Veranstaltung zu nennen. Im Rahmen des Forschungslaboratoriums „Das Anthropozän als multiple Krise“ haben wir akademische Konferenzen zu verschiedenen Facetten des Anthropozäns an den unterschiedlichen Standorten des CALAS in Mexiko, Costa Rica, Argentinien und Ecuador durchgeführt. Zum Abschluss des Laboratoriums wollten wir nun ganz explizit in Austausch mit verschiedenen Akteuren der Zivilgesellschaft treten. Dazu haben wir das CALAS-Wissensfest konzipiert. Knapp 20 Umweltgruppen aus Guadalajara sind dieser Einladung gefolgt, zudem haben wir Kulturproduzenten aus den Bereichen Film und Theater eingeladen, die sich mit dem Anthropozän beschäftigen. Begleitet wurde das CALAS-Fest mit einem Musikprogramm und ökologischem, lokal produzierten kulinarischen Angeboten.

Spannend ist, dass in einem solchen Format nicht abschließende, fertige Ergebnisse präsentiert werden müssen, sondern der Raum zum kreativen Austausch besteht. In einem Forum stellte der Regisseur Miguel Angel Sanchez Abschnitte aus seinem Film „Anthropos“, der im CALAS produziert wird, zur Diskussion. Bildlich eindrucksvoll zeigt der Film die menschengemachte Veränderung von Landschaften auf. Doch auch in menschlichen Landschaften, wie den Städten, gibt es Alternativen. So arbeitet ein Kollektiv in Guadalajara daran, einen renaturierten urbanen Wald inmitten der zweitgrößten Metropole Mexikos einzurichten und zu pflegen.

Spannend sind auch die Projekte, die auf die Verflechtung zwischen Globalem Norden und Süden hinweisen. In einem Panel diskutierten wir die veränderte Landnutzung durch Avocado-Anbau in Mexiko und Soja-Anbau im Cono Sur. Hier zeigte sich, wie veränderte Konsumformen im Globalen Norden nicht nur zu Umweltproblemen beitragen, sondern wie die Avocado-und auch Agave-Plantagen zunehmend von höchst gewalttätigen Drogenkartellen kontrolliert werden. Alternativen zur herbizidintensiven Monokultur der Agave, deren Anbau allein für die Herstellung von Tequila erfolgt, zeigte ein ökologisch und pestizidfrei operierendes Projekt beim CALAS-Fest auf.

Bereits zu Beginn des Wissenslaboratoriums im Frühjahr 2022 haben wir den Kontakt zu Umweltgruppen in der Region gesucht und so beispielsweise mit einer Gruppe von WissenschaftlerInnen des CALAS, mit der wir ein 6-bändiges Handbuch zum Anthropozän herausgeben, eine Exkursion zum Rio Santiago gemacht, der als einer der am stärksten kontaminierten Flüsse in ganz Lateinamerika gilt. Javier Taks aus Uruguay, einer unserer Herausgeber, stellt nun in seinem Vortrag zum Klimawandel auch ein Foto ebendieser Exkursion am Rio Santiago als das – wie er es nannte – „wohl ikonischste Bild des Anthropozäns“ vor. Die Gruppe war auch auf dem CALAS-Fest dabei und griff diesen Faden auf. Gerade diesen Austausch auf Augenhöhe zwischen Wissenschaft und Zivilgesellschaft wollen wir fördern.

Wie könnte eine sozial und ökologisch gerechtere und nachhaltigere Welt, in der alle gut leben können, aussehen?

Das CALAS hat das Ziel, nicht nur Krisen zu analysieren, sondern gerade auch die Strategien unterschiedlicher Akteure zur Bewältigung der multiplen Krisen. Dazu hat das CALAS-Laboratorium in Zusammenarbeit mit dem Museum für Umweltwissenschaften in Guadalajara und dem Welthaus Bielefeld einen Kurzfilmwettbewerb zu gelebten Alternativen im Anthropozän ausgeschrieben. Zu denken ist hier an ökologische und lebensweltlich eingebundene Produktion von Kaffee im Süden Mexikos oder von Kakao in Ecuador. Ganz in diesem Sinne besteht ein breiter, umfassender Ansatz darin, das Leben und die Pflege des Lebens wieder in das Zentrum des alltagsweltlichen Handelns, der Ökonomie und der Politik zu stellen. Das bedeutet eine Abkehr vom instrumentellen, individuellen, nutzenmaximierenden Handeln hin zu einem vernetzten, lebensweltlichen, solidarischen Handeln. Dazu gehört auch Pflege- bzw. Care-Arbeit auf nicht-menschliche Aktanten wie Pflanzen und Tiere sowie auf die Umwelt auszudehnen. Das Soziale muss über das Zwischenmenschliche hinaus transdisziplinär neu gedacht werden. Dazu ist im Anthropozän eine epistemologische Wende notwendig, die Erde als einen belebten und komplexen Mega-Organismus zu begreifen, wie es in indigenen Denksystem in Lateinamerika gepflegt wird. Solche Überlegungen haben dann auch rechtliche Bedeutung, wenn es um die juristische Verankerung von Rechten der Natur geht, wie es beispielsweise in der ecuadorianischen Verfassung der Fall ist.

Das CALAS versteht das Anthropozän aus geistes- und sozialwissenschaftlicher Perspektive als multiple Krise, was eben auch die sozialen Dimensionen wie die Spannung zwischen extremer Armut und Mega-Reichtum umfasst. In diesem Sinne sind multiskalare Umverteilungsprogramme notwendig, um das Leben im Anthropozän zu bewältigen. Vor dieser Herausforderung steht gerade auch die ökologische Transformation in Westeuropa, die gerade in Lateinamerika Gefahr läuft, in einen erneuten, diesmal grünen, Kolonialismus zu münden.

Vielen Dank für das spannende Interview, Herr Prof. Kaltmeier!

(Das Interview erfolgte schriftlich am 22. Juli 2023, Fragen: Katrin Schlotter)
 

Impressionen vom CALAS-Fest

Impressionen vom CALAS-Fest

CALAS

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CALAS

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CALAS

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CALAS 

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Impressionen vom CALAS-Fest

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CALAS

Das Merian Centre CALAS 

Das Maria Sibylla Merian Center for Advanced Latin American Studies in the Humanities and Social Sciences (CALAS), das auf der Kooperation von vier deutschen und vier lateinamerikanischen Universitäten basiert, ist Teil des internationalen Netzwerks von Merian Centres in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Es wird Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert, um die wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen Deutschland und einem oder mehreren Ländern in verschiedenen Weltregionen zu stärken. Bei CALAS arbeiten interdisziplinäre Forschungsteams zusammen: Bis zu 25 internationale Fellows werden im Wechsel eingeladen. Die Forschung konzentriert sich auf soziale, politische und ökologische Krisen und wird in den vier Clustern "Sozial-ökologische Transformation", "Soziale Ungleichheiten", "Gewalt und Konfliktlösung" und "Identität" durchgeführt.

Was wird unter „Anthropozän“ verstanden?

Der Begriff des Anthropozäns ist in seiner heutigen Bedeutung erstmals in Mexiko gefallen. Im Februar 2000 postulierte der Atmosphärenchemiker Paul Crutzen, dass wir nicht mehr im geologischen Zeitalter des Holozäns leben, sondern im Anthropozän. Dies impliziert, dass nunmehr der Mensch die Erdgeschichte so stark verändert hat, dass von einer neuen geologischen Epoche zu sprechen ist. Im weiteren Sinne ist an die technische Umgestaltung großer Landflächen, Einbringung von künstlichen Schadstoffen, Klimawandel, Biodiversitätsverlust, Versauerung der Ozean und viele weitere menschengemachte Umweltveränderungen zu denken.