Gesellschaftliche Radikalisierung

Es ist ein schleichender, schwer zu definierender Prozess: der Zerfall des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Wann fängt Radikalisierung an? Bereits bei Hetze und Propaganda? Ein Themenfeld, mit dem sich derzeit rund 50 durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte Projekte befassen.

Person mit Kapuzenpullover und Laptop; © Thinkstock

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Seit einigen Jahren verschärft sich die soziale Polarisierung: Wachsende Teile der Bevölkerung verlieren das Vertrauen in die Demokratie, fühlen sich ignoriert, stigmatisiert, abgehängt oder ausgeschlossen. Dies greifen populistische Politikangebote auf. Ihre Angebote verfolgen Grundmuster wie Kritik an sozialen Eliten, Personalisierung und Moralisierung von Politik, sie machen sich zum Beispiel an aktuellen Problemen der Stadtentwicklung fest, die von Gentrifizierung und Segregation bis zu mangelnden Mitwirkungschancen reicht. Daher untersucht das BMBF-geförderte Verbundprojekt PODESTA (Populismus|Demokratie|Stadt) interdisziplinär, wie sich verschiedene Akteure im städtischen Umfeld mit Populismus auseinandersetzen und kontrastiert die zwei Metropolen Leipzig und Stuttgart.

Hasskommunikation in Sozialen Medien

Ein weiteres BMBF-Projekt widmet sich der Hasskommunikation in sozialen Medien: "NO HATE – Bewältigung von Krisen öffentlicher Kommunikation im Themenfeld Flüchtlinge, Migration, Ausländer" (NOHATE). Hasskommunikation ist eine reale Bedrohung für einzelne Personen, zugleich gefährdet sie den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt. Das Ziel des dreijährigen Verbundprojekts NOHATE an der Freien Universität Berlin ist es, Hasskommunikation in Sozialen Medien, Online-Foren und Kommentarbereichen auf seine (Früh-)Erkennbarkeit, Ursachen und Dynamiken sowie auf potenzielle Deeskalationsmöglichkeiten zu untersuchen und praktisch anwendbare, softwaregestützte Handlungsoptionen zu entwickeln

Projekte im Rahmenprogramm

PODESTA und NOHATE sind nur zwei von rund 50 Projekten, die das Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen der Förderrichtlinie „Zusammenhalt stärken in Zeiten von Krisen und Umbrüchen“ seit Oktober 2017 unterstützt.

Radikale Strömungen im Islam

Politik und Gesellschaft sind zudem zunehmend den Herausforderungen eines radikalen Islam gegenübergestellt. Spätestens seit den Attentaten vom 11. September 2001 sind radikale Strömungen des Islam zunehmend zu einer innergesellschaftlichen Herausforderung geworden. Radikaler Islamismus ist Teil der gesellschaftlichen Realität in Deutschland und in vielen Ländern Europas geworden. Angesichts der Heterogenität und Breite des Phänomens stellt sich die Frage, worin die gesellschaftlichen Ursachen für das Erstarken eines radikalen Islam in Deutschland und Europa liegen. Welches sind die sozialen, politischen, kulturellen und historischen Gründe für diese Entwicklung? Wie wirkt sich der Einfluss von Islamistinnen und Islamisten auf das gesellschaftliche Leben insgesamt, auf Verunsicherungen und Bedrohungswahrnehmungen aus? Inwiefern lösen sie Polarisierungs-, Spaltungs- und Ausgrenzungsprozesse aus oder verschärfen diese?

Um diese Fragen beantworten zu können, hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung im Oktober 2018 die Förderrichtlinie „Gesellschaftliche Ursachen und Wirkungen des radikalen Islam“ veröffentlicht und wird ab 2020 Forschungsvorhaben in zwei Themenschwerpunkten fördern: zum einen werden die gesellschaftlichen Ursachen des Erstarkens von Islamismus in Deutschland und Europa untersucht, zum anderen die gesellschaftlichen Wirkungen von Islamismus in Deutschland und Europa. Zudem wird ein wissenschaftliches Begleitvorhaben gefördert, das diese Projekte intern und extern vernetzt, wissenschaftliche Erkenntnisse zusammenführt, den gesellschafts- und praxisorientierten Ergebnis- und Wissenstransfer unterstützt sowie Öffentlichkeitsarbeit betreibt (siehe Förderrichtlinie, Bundesanzeiger vom 15.10.2018).