Zentren für Islamische Theologie: Nach zehn Jahren gut etabliert

In Tübingen, Frankfurt (mit Gießen), Münster, Osnabrück, Erlangen-Nürnberg, Berlin und Paderborn – das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert sieben Zentren/Institute für Islamische Theologie. Nach 10 Jahren Förderung ist nun für vier Zentren die Förderung ausgelaufen. Zeit, einmal nachzufragen, was die Zentren erreicht haben und wie es weitergeht.

Doktorhut auf Buch

Adobe Stock/ekaphon 

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In Deutschland leben derzeit mehr als fünf Millionen muslimische Religionsangehörige – sie sind nach katholischen und evangelischen Christen schon seit etlichen Jahren die drittgrößte religiöse Gruppe. Um „die institutionellen Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass die Pluralität islamischen Glaubens in der Bundesrepublik Deutschland adäquat berücksichtigt werden kann“, hat der Wissenschaftsrat bereits im Jahr 2010 die Einrichtung von Zentren für theologisch orientierte Islamische Studien empfohlen.

Mit insgesamt rund 44 Millionen Euro fördert das BMBF seit 2011 sieben Zentren, darunter seit 2019 auch die Institute für Islamische Theologie an der Humboldt-Universität zu Berlin und an der Universität Paderborn. Die Unterstützung ist während beider Förderphasen (2011-16, 2016-21) an hohe Voraussetzungen geknüpft, um den langfristigen Erfolg zu sichern: Dazu zählen ein dauerhaftes finanzielles Engagement der Universität und des Landes, ein breites Fächerspektrum an der jeweiligen Universität, die Mitwirkung von Muslimen und standortübergreifende Kooperationen. Die Verantwortung für den Aufbau und dauerhaften Betrieb liegt bei den Ländern und den Hochschulen.

Wissensproduktion für den hiesigen Kontext

„Durch die Förderung konnte die Idee umgesetzt werden, dass zur Beheimatung des Islams in Deutschland auch eine islamische Wissensproduktion für den hiesigen Kontext gehört“, betont Prof. Dr. Bekim Agai, Direktor der Akademie für Islam in Wissenschaft und Gesellschaft (AIWG) und Geschäftsführender Direktor des ZEFIS Frankfurt/Gießen, und ergänzt: „Qualifiziert über den Islam zu sprechen, über theologisch oder gesellschaftlich brennende Themen, interdisziplinär, innerreligiös oder interreligiös, ist so in Deutschland befördert worden. Heute bringen AbsolventInnen ihr Wissen im Kontext Schule, in Institutionen der Zivilgesellschaft, Gemeinden, Universitäten und darüber hinaus ein“.

Dauerhafte Strukturen

An allen sieben Standorten sind dauerhafte organisatorische Strukturen entstanden. Durch zahlreiche Tagungen und Veröffentlichungen, durch Medienpräsenz und internationale Kooperationen findet ein reger wissenschaftlicher Austausch statt. Dieser sorgt sowohl für die fachliche Qualität als auch für die Sichtbarkeit der Zentren und der BMBF-Förderung. Nach zehn Jahren Förderung durch das BMBF läuft in 2021 nun die Förderungfür die Zentren in Frankfurt/Gießen, Münster, Osnabrück und Tübingen aus.

Für Prof. Dr. Ömer Özsoy, Direktor des Instituts für Studien der Kultur und Religion des Islam in Frankfurt, steht trotz des Endes der BMBF-Förderung fest: „Da aber die jeweiligen Universitäten die Verdauerung ihrer BMBF-geförderten fachwissenschaftlichen Professuren zugesagt bzw. bereits getätigt haben und die von den Ländern finanzierten fachdidaktischen Professuren ohnehin unbefristet geplant sind, ist das Fortbestehen der islamisch-theologischen Einrichtungen im größten Teil gewährleistet“ (siehe Stellungnahme Prof. Özsoy).

„Die Universität Münster hat beschlossen, aus dem Zentrum eine eigene Fakultät zu etablieren“, sagt Prof. Dr. Mouhanad Khorchide, Leiter des Zentrums für Islamische Theologie und Professor der Islamischen Religionspädagogik an der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU) Münster. „Solche Dauerstrukturen an den Universitäten können zu einer weiteren Versachlichung und Differenzierung der Debatten rund um den Islam beitragen. Dadurch wird der Islam immer mehr zu einem selbstverständlichen Teil unserer Gesellschaft“.

Das Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück bleibt, so Institutsleiter Prof. Uçar, weiterhin als Institut an der Erziehungs- und Kulturwissenschaftlichen Fakultät vollumfänglich und gleichberechtigt mit den anderen beiden christlich-theologischen Instituten bestehen. Die Nachwuchsförderung wird mit den bestehenden Grundmitteln sowie mit weiteren Drittmitteln fortgeführt.

Auch das Zentrum für Islamische Theologie (ZITh) bleibt nach dem Ende der BMBF-Förderung laut ZITh-Koordinator Dr. Abdelaali El Maghraoui als zentrale Einrichtung der Universität Tübingen weiterhin bestehen.

Internationale Sichtbarkeit und Nachwuchsförderung

Die Zentren haben sich als national wie international anerkannte Orte islamisch-theologischer Forschung etabliert und fördern den wissenschaftlichen Nachwuchs in Islamischer Theologie – für die Schulen und die Hochschulen. Ziel ist, ein wissenschaftlich fundiertes Studium von Religionsgelehrten im staatlichen Hochschulsystem in deutscher Sprache zu ermöglichen und islamische Religionslehrerinnen und -lehrer für den bekenntnisorientierten Schulunterricht auszubilden. Rund 2000 Studentinnen und Studenten sind an den BMBF-geförderten Standorten für Islamische Theologie eingeschrieben, Tendenz steigend.

Was hat die BMBF-Förderung gebracht?

Prof. Dr. Mouhanad Khorchide

Prof. Dr. Mouhanad Khorchide, Leiter des Zentrums für Islamische Theologie und Professor der Islamischen Religionspädagogik an der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU) Münster.
„Die Förderung der Islamischen Theologie an mehreren Universitäten in Deutschland ermöglichte es vielen jungen WissenschaftlerInnen, Forschungsprojekte zum Thema Islam durchzuführen und sich dabei ein eigenes akademisches Profil zu bilden. Einige dieser jungen Menschen sind inzwischen ProfessorInnen im Bereich der Islamischen Theologie geworden, andere üben Berufe mit gesellschaftspolitischer Relevanz aus“.

Peter Grewer/ZIT

Prof. Dr. Bekim Agai

Prof. Dr. Bekim Agai, Direktor der Akademie für Islam in Wissenschaft und Gesellschaft (AIWG) und Geschäftsführender Direktor des ZEFIS Frankfurt/Gießen.
„Durch die Förderung konnte die Idee umgesetzt werden, dass zur Beheimatung des Islams in Deutschland auch eine islamische Wissensproduktion für den hiesigen Kontext gehört. Qualifiziert über den Islam zu sprechen, über theologisch oder gesellschaftlich brennende Themen, interdisziplinär, innerreligiös oder interreligiös, ist so in Deutschland befördert worden. Heute bringen AbsolventInnen ihr Wissen im Kontext Schule, in Institutionen der Zivilgesellschaft, Gemeinden, Universitäten und darüber hinaus ein“.

Julius Matuschik

Prof. Dr. phil. Bülent Uçar

Prof. Dr. phil. Bülent Uçar, Leiter des Instituts für Islamische Theologie (IIT) an der Universität Osnabrück. 
„Durch die großzügige Förderung des BMBF wurde in den letzten Jahren ein wesentlicher Beitrag zur Etablierung der Islamischen Theologie an den staatlichen Universitäten geleistet. Auf dieser Basis werden die Glaubensgrundlagen des Islam von muslimischen Theologen mit dem Ziel der Kohärenz sowohl für bekennende Muslime als auch Außenstehende systematisch bearbeitet, analytisch reflektiert und somit vor der Vernunft verantwortet und plausibilisiert. Dieser Ansatz ist vielversprechend, da akademisch interessierte Muslime hierdurch einen neuen Zugang für ihre Religion gewinnen und im öffentlichen Diskurs sprachfähig werden.“

Universität Osnabrück/Jens Raddatz  

Dr. Abdelaali El Maghraoui

Dr. Abdelaali El Maghraoui, Wissenschaftlicher Koordinator am Zentrum für Islamische Theologie (ZITh) an der Eberhard Karls Universität Tübingen
„Die Akademisierung und Institutionalisierung der Islamischen Theologie an deutschen Hochschulen ist inzwischen zu einem Faktum geworden. Ohne die Förderung des BMBF wäre dies wahrscheinlich nicht gelungen. Die Zukunft dieses neuen Fachs hängt m. E. von erfolgreichen Drittmitteleinwerbungen ab, aber vor allem davon, dass es kritisch und ganz im Sinne der Forschungs- und Wissenschaftsfreiheit weiterhin erforscht und betreiben wird“.

Dr. Abdelaali El Maghraoui

Prof. Dr. Ömer Özsoy

Prof. Dr. Ömer Özsoy, Direktor des Instituts für Studien der Kultur und Religion des Islam in Frankfurt, Fotografin Stefanie Wetzel 
„Auch die Islamische Theologie in Deutschland soll sich dem wissenschaftlichen Wettbewerb und den wissenschaftstheoretischen Erkenntnissen und Diskussionen der Gegenwart stellen dürfen und können, die hier längst stattgefunden haben. Eine Islamische Theologie im europäischen Kontext soll sich also der eigenen offenen Wissenschaftstradition anschließen und sich daher entschieden gegen Bestrebungen wenden, sie aufgrund ihrer noch jungen Entwicklungsphase als reine, an praktischen Bedürfnissen oder politischen Zielen orientierte Hilfswissenschaft zu betrachten und ihr dadurch im Endeffekt einen zweitklassigen Status einzuräumen. Denn nur hierdurch lässt sich die notwendige Fachautonomie eines neuen Universitätsfaches dauerhaft gewährleisten“.

Forschungskolleg Humanwissenschaften

Die Förderung verfolgt vier Ziele:

  1. International anerkannte Zentren islamisch-theologischer und Islam-bezogener interdisziplinärer Forschung an staatlichen Hochschulen zu etablieren
  2. Exzellente Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses
  3. Die Ausbildung islamischer Lehrerinnen und -lehrer für den bekenntnisorientierten Religionsunterricht im Schuldienst
  4. Die Abbildung ethnischer und religiöser Vielfalt muslimischen Glaubens und Lebens in Deutschland

Akademie für Islam in Wissenschaft und Gesellschaft (AIWG)

Die Akademie für Islam in Wissenschaft und Gesellschaft (AIWG) ist eine universitäre Plattform für Forschung und Transfer in islamisch-theologischen Fach- und Gesellschaftsfragen. Sie ermöglicht überregionale Kooperationen und Austausch zwischen WissenschaftlerInnen der islamisch-theologischen Studien und benachbarter Fächer sowie AkteurInnen aus der muslimischen Zivilgesellschaft und weiteren gesellschaftlichen Bereichen. Die AIWG wird in einer ersten Förderphase bis 2022 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und von der Stiftung Mercator gefördert.

Hintergrundinfo: BAMF-Studie „Muslimisches Leben in Deutschland 2020“

Mehr als fünf Millionen Muslime leben derzeit in Deutschland – fast eine Million mehr als vor fünf Jahren. Muslimische Religionsangehörige aus der Türkei, die eine lange Zuwanderungsgeschichte mit Deutschland verbindet, bilden zwar weiterhin die größte Herkunftsgruppe, sie stellen mit einem Anteil von 45 Prozent aber nicht mehr die absolute Mehrheit dar. Mit einem Anteil von 13 Prozent folgen an zweiter Stelle Musliminnen und Muslime aus Syrien, darunter viele neu Zugewanderte, so ein Ergebnis der Studie des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) „Muslimisches Leben in Deutschland 2020“. Mit mehr als 4.500 Interviews mit Personen aus muslimisch geprägten Herkunftsländern ist sie die größte bundesweit repräsentative Studie über muslimisches Leben in Deutschland. Hier geht’s zur Studie.

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