DDR-Forschung: Ausstellung „1961. Mauerbau und Geheimpolizei im Bezirk Potsdam“

Zum 60. Jahrestag des Berliner Mauerbaus hat der BMBF-geförderte DDR-Forschungsverbund „Landschaften der Verfolgung“ die Ausstellung „1961. Mauerbau und Geheimpolizei im Bezirk Potsdam“ auf die Beine gestellt. Die Sonderausstellung in der Stiftung Gedenkstätte Lindenstraße in Potsdam zeigt erstmals Ausmaß und Dimensionen politischer Haft im Bezirk Potsdam zwischen 1952 und 1989.

Außenfassade der Stasi-Untersuchungshaftanstalt Potsdam, 1959

Außenfassade der Stasi-Untersuchungshaftanstalt Potsdam, 1959

Stasi-Unterlagen-Archiv im Bundesarchiv

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Welche unmittelbaren Konsequenzen hatte die Grenzschließung? Wie reagierte die Bevölkerung darauf? Und wie gingen SED-Führung und staatliche Sicherheitskräfte gegen Andersdenkende und Widerständige vor? All diese Fragen rückt die Ausstellung der Stiftung Gedenkstätte Lindenstraße, die Teil des Verbundes ist, in den Blick der Öffentlichkeit. Sie läuft vom 13. August 2021 bis 31. Dezember 2021.

Insbesondere der Mauerbau ab dem 13. August 1961 und die Maueröffnung am 9. November 1989 zeigen uns, wie sehr die SED-Führung für ihre Herrschaft in der DDR auf Repression und Verfolgung angewiesen war, und wie wenig freie Zustimmung sie bei der ostdeutschen Bevölkerung letztlich erzeugen konnte. Mit dem Wissen über die erzwungene Grenze verstehen wir besser, welchen Stellenwert gewissensbezogenes Handeln und bürgerliches Engagement für freiheitliche Demokratie haben.

Sebastian Stude, Kurator und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Gedenkstätte Lindenstraße

Von der Forschung in die Öffentlichkeit

Sebastian Stude, Kurator und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Gedenkstätte Lindenstraße

Sebastian Stude, Kurator und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Gedenkstätte Lindenstraße

Sebastian Stude

Nachdem SED-Führung und staatliche Sicherheitskräfte am 13. August 1961 das „Grenzloch West-Berlin“ geschlossen hatten, setzten sie im Innern der DDR eine politische Kampagne zur wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umgestaltung in Gang. Die Strategie der Staatssicherheit vom Kampf gegen vermeintlich „äußere Feinde“ richtete sich, wie Stude erläutert, nunmehr gegen vermeintlich „innere Feinde“. Der Mehrzahl der Untersuchungshäftlinge warf sie nicht mehr wie bis zur Grenzschließung „Spionage“ oder „Agententätigkeit“ vor, sondern „staatsgefährdende Propaganda und Hetze“ oder „staatsfeindliche Hetze“. Außerdem wurden Grenz- und Fluchtdelikte nach dem Mauerbau zum Hauptgeschäft der Staatssicherheit.

Wie sich der Kampf gegen die vermeintlich inneren Feinde ausgewirkt hat, beleuchtet nun die Ausstellung in der Stiftung Gedenkstätte Lindenstraße. Sie ist ein anschauliches Beispiel für die Philosophie des DDR-Forschungsverbundes, Ergebnisse interdisziplinärer Forschungen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Ausstellung widmet sich dem Querschnittsthema „Mauerbau“ und „Geheimpolizei“ und nimmt dabei zwei unterschiedliche Gruppen in den Blick: die Untersuchungshäftlinge der Staatssicherheit und das hauptamtliche Personal der SED-Geheimpolizei.

Mehr als 5600 Inhaftierte allein im Bezirk Potsdam

Eine wichtige Quelle der Ausstellung ist eine spezielle Kartei der Staatssicherheit, die statistische Informationen und biografische Fallbeispiele für den gesamten Zeitraum 1952 bis 1989 sowie für bestimmte Phasen besonderer politischer Repression enthält. Das Potsdamer Teilprojekt hat diese personenbezogene Kartei mit mehr als 7000 Einträgen detailliert ausgewertet (mehr dazu siehe Modul I: Daten politischer Verfolgung). „Die Staatssicherheit im Bezirk Potsdam hat zwischen 1952 und 1989 mehr als 5600 Menschen inhaftiert – mindestens 859 Frauen und 4804 Männer. Allein im Jahr des Mauerbaus nahm die Staatssicherheit im Bezirk Potsdam 166 Frauen und Männer in Untersuchungshaft, die Mehrzahl von ihnen, nämlich 112, nach der Grenzschließung zu West-Berlin ab dem 14. August 1961. Damit bilden die Wochen nach dem 13. August 1961 eine Phase schwerer politischer Repression und Verfolgung im Bezirk Potsdam“, betont Stude. Besser als für andere Regionen in der DDR sind jetzt Ausmaß und Dimensionen politischer Haft im Bezirk Potsdam zwischen 1952 und 1989 bekannt – und bekommen nun mit der Ausstellung ein Gesicht.

Comic statt Ausstellungskatalog

Cover des Comics „Grenzlinien“: drei gezeichnete Personen

Comic statt Ausstellungskatalog: Cover „Grenzlinien“

Stiftung Gedenkstätte Lindenstraße Potsdam

Welche Schicksale hinter den Zahlen stehen, zeigt auch das Begleitmaterial der Sonderausstellung „1961. Mauerbau und Geheimpolizei im Bezirk Potsdam“. Zusammen mit renommierten KünstlerInnen und engagierten ZeitzeugInnen hat die Stiftung Gedenkstätte Lindenstraße einen rund 80 Seiten starken Comic erstellt. „Uns motivierte die Idee, Informationen und Wissen zur Geschichte der Stasi-Untersuchungshaft in einem spannenden, zeitgemäßen Format für ein junges Publikum zu präsentieren. Mittlerweile haben wir gelernt, dass Comics auch ein älteres Publikum ansprechen“, so Stude. Und das verwundert nicht, wie ein Blick in den Comic zeigt.

Anhand von drei realen Lebensgeschichten zeichnen die KünstlerInnen die Themen Stasi-Untersuchungshaft in Potsdam sowie Flucht, Fluchthilfe und Ausreise aus der DDR in den 1960er, 1970er und 1980er Jahren nach. Birgit Weyhe, eine der renommiertesten deutschen Comic-Zeichnerinnen, erweckt die Geschichte von Carl-August von Halle zu neuem Leben: Der West-Berliner Student verhalf 1961 mehreren DDR-Bürgern zur Flucht durch die Kanalisation und wurde verraten. Thomas Henseler und Susanne Buddenberg schildern das Schicksal von Hartmut Richter: Ihm gelang nach einem ersten gescheiterten Versuch 1966 die Flucht durch den Teltowkanal, danach verhalf er mehr als 30 Menschen über die Grenze. 1975 wurde er verhaftet und wegen „staatsfeindlichem Menschenhandel“ zu 15 Jahren Haft verurteilt. Nach fünf Jahren kaufte ihn die Bundesrepublik frei. Ulla Loge erinnert an die Geschichte der Familie Grunzel, die Ende der 1980er Jahre die DDR verlassen wollte, weil sie sich im Westen eine bessere medizinische Versorgung für ihre herzkranke Tochter erhoffte. Als das Ehepaar öffentlich gegen die Ablehnung des Antrags protestierte, wurde es 1988 in Potsdam inhaftiert. Also genau dort, wo auch die Ausstellung stattfindet und der Comic erhältlich ist. Reinschauen lohnt sich.

Hier geht’s zur Ausstellung: Stiftung Gedenkstätte Lindenstraße Potsdam

Forschungsverbund „Landschaften der Verfolgung“

Der Forschungsverbund „Landschaften der Verfolgung“ ist einer von insgesamt 14 Verbünden, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) auf dem Gebiet der DDR-Forschung (siehe Förderrichtlinie) unterstützt werden. Zu den zentralen Zielen des Programms gehören eine stärkere Verankerung der DDR-Forschung an den Hochschulen sowie der Wissenstransfer von Forschungsergebnissen in eine breitere Öffentlichkeit. Der Förderzeitraum beträgt zunächst vier Jahre (Januar 2019 – Dezember 2022). Im Forschungsverbund arbeiten acht Institutionen zusammen. Neben wissenschaftlichen Forschungseinrichtungen (Geschichte, Politikwissenschaften, Medizin und Jura) sind vier Gedenkstätten und Stiftungen am Verbund beteiligt.

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