Bericht Statustagung „Allianz für Hochschulsammlungen II“, Bonn, 18.-19. September 2025

Vom 18.-19. September kamen alle bundesweit verteilten Vorhaben, die seit 2023 im Rahmen der Förderrichtlinie „Vernetzen – Erschließen – Forschen Allianz für Hochschulsammlungen II“ des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt gefördert werden, zu einer Statustagung beim DLR Projektträger in Bonn zusammen.

Besonders erfreulich war – und dies unterstreicht auch die Bedeutung der Veranstaltung –, dass tatsächlich alle sechs geförderten Verbundprojekte bei der Veranstaltung vertreten waren. Drüber hinaus sogar auch einige ihrer musealen Kooperationspartner sowie das Begleitvorhaben der Koordinierungsstelle für wissenschaftliche Universitätssammlungen. Der Einladung des BMFTR folgte zudem auch die Leitung des Forums Wissen der Universität Göttingen – eine außerhalb der Allianz-Richtlinie von Bund und Land Niedersachsen geförderte Einrichtung, die derzeit eine Art Leuchtturmfunktion im Bereich von Hochschulsammlungen und gesellschaftlichem Transfer einnimmt. An ihrem Input zu den Tagunsgthemen waren bereits im Vorfeld alle interessiert.

Ziel der Statustagung war es zum einen, in diesem breiten Kreis den aktuellen Arbeitsstand und bestehende Herausforderungen der Vorhaben zu diskutieren, und zum anderen bisherige oder geplante Transferformate der Projekte zu erörtern. Grundsätzlich sollte die Präsenzveranstaltung außerdem einen Raum für eine weiter intensivierte Vernetzung und Kooperation der Projekte, Institutionen und Forschenden bereitzustellen. Denn tatsächlich kamen mit der Statustagung erstmals alle geförderten Akteure und Institutionen persönlich zusammen – eine willkommene Gelegenheit, Diskussionen und Zusammenarbeit allein aus online-Kontexten zu vertiefen oder ganz neu zu initiieren.  

Hochschulsammlungen

Hochschulsammlungen haben sich in den letzten gut zehn Jahren, auch unter Einfluss der beiden Allianz-Förderrichtlinien des BMFTR von 2015 und 2021, entscheidend weiterentwickelt. Auch wenn es nach wie vor viele Herausforderungen für die Sammlungen gibt: Heute nutzen die Trägerhochschulen zusehends deren vielseitige Anwendungsmöglichkeiten im Sinne einer wichtigen Infrastruktur für Forschung, Lehre und Transfer. Die Sammlungen beherbergen in schier unermesslichem Umfang wissenschaftliche und kulturelle Schätze, die oft nur durch stark interdisziplinäre Zusammenarbeit gehoben werden können. Geschieht dies, stellen die Bestände eine große Chance für innovative wissenschaftliche Forschung und Kooperation dar, die sogar weit in die Vernetzung mit Praxispartnern, etwa Museen, reicht – und somit auch neue Möglichkeiten und eine Professionalisierung im Transferbereich eröffnet. Die sechs vom BMFTR bis 2027 geförderten Projekte zeigen, mit Unterstützung des Begleitvorhabens, hier als good practice-Beispiele einen Weg für die Sammlungsforschung in Deutschland auf und leisten somit einen wichtigen Beitrag, um die Hochschulsammlungen gemäß ihrem enormen Potential zu nutzen – und mithin auch mittelfristig weiter zu konsolidieren.

Tag 1

Tag 1 stand im Zeichen der bisherigen Arbeiten und Herausforderungen. Die sechs Verbundprojekte wurden dabei thematisch drei Panels zugeordnet, um jedem Vorhaben ausreichend Raum und Zeit für seine Berichte zu geben.

Panel I 

Panel I  konzentrierte sich dabei auf die beiden Projekte AESOH und Herrnhut – und mithin Sammlungen und Forschungen, die sich im weitesten – und sehr unterschiedlichem – Sinn mit biologischen Beständen befassen. Während sich AESOH großteilig auf Sammlungen menschlicher Überreste (sog. human remains) fokussiert, beschäftigt sich das andere Vorhaben  mit botanischen Belegsammlungen der Herrnhuter Brüdergemeine. Bei allen Unterschieden, die sich aus diesen verschiedenen Sammlungstypen und den abweichenden gewählten Herangehensweisen ergeben, zeigten die Vorträge doch ein großes Potential der beforschten Bestände auf: Und zwar die Notwendigkeit, sie allein im interdisziplinären Zugriff zwischen den Geistes- und Natur- respektive Lebenswissenschaften wissenschaftlich erschließen zu können. Bei allen Herausforderungen, die hiermit traditionell einhergehen – beispielsweise unterschiedliche Fachsprachen –, erzwingt und ermöglicht die spezifische Hermetik der “biologischen“ Objekte somit ein Zusammenwirken, das abseits der Sammlungsforschung keineswegs üblich ist. Dabei zeigt sich, dass genuin geistes-, kultur- und sozialwissenschaftliche Zugänge mit wissenschaftsethischen und postkolonial inspirierten Ansätzen (AESOH) oder aber wissenschaftsgeschichtlichen und digital humanities-Zugriffen (Herrnhut) großes Potential aufweisen, um in diverse natur- und lebenswissenschaftliche Disziplinbereiche hineinzuwirken – und dies weit über die spezifischen Projektszenarien hinaus.

Panel II

Panel II widmete sich den Vorhaben DramA und KOSTIMA und mithin Sammlungen und Forschungen, die im Bereich der Kunst angesiedelt sind. DramA erforscht und erschließt die theaterwissenschaftliche Sammlung der Berliner Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch, während sich KOSTIMA mit facettenreichen musikwissenschaftlichen Beständen aus Mainz, Hildesheim und Hannover befasst. Zum einen sind entsprechende Sammlungen für fachspezifische Fragestellungen wichtig, um etwa Genese, Prägungen oder konkrete Ausdrucksformen von Kunst besser zu verstehen – wie hier beispielsweise von bestimmten Stücken oder Traditionen der Darstellenden Kunst oder aber musikalischer Genres. Die Projekte DramA und KOSTIMA zeigen, dass solche Sammlungen jedoch gerade auch für breitere Forschungen zur gesellschaftlichen und politischen Kontextualisierung sowie Wirkkraft von Kunst unentbehrlich sind. Im fruchtbaren Zusammenwirken mit den Geistes- und Sozialwissenschaften werden die Bestände hier genutzt, um das Verhältnis zwischen Kunst und politischer Macht zu erforschen: Wie wirkt sich der politische Kontext auf Form, Freiheit und Wirkung von Kunst aus – etwa in Zeiten der DDR in der Schauspielausbildung? Welche Möglichkeiten und Ausdrucksformen nutzt Kunst, um politischen Widerstand zu artikulieren – etwa Populärmusik in der Mobuto-Ära der Demokratischen Republik Kongo? Kunstsammlungen beherbergen in diesem Sinn wertvolle und vielseitig nutzbare Quellen, die das Funktionieren von Gesellschaften und Herrschaftsverhältnissen besser erforschbar machen – und dabei auch Potential und Grenzen widerständiger agency von Kunst aufzeigen.

Panel III

In Panel III präsentierten die Projekte 3ios und KUPFER ihre Forschungen. Während sich 3ios mit einer dezidiert technikhistorischen Sammlung medizinischer Geräte insbesondere aus der DDR-Zeit beschäftigt, fokussiert KUPFER die Lehrmittelsammlung der ehemaligen Kunstgewerbeschule Pforzheim, die mit ihren äußerst vielseitigen Beständen eng mit der traditionellen Pforzheimer Edelmetall- und Schmuckindustrie verflochten ist. Bei aller Verschiedenheit der hier projektseitig behandelten Objekte, birgt der beiderseits vorhandene technik- und industriehistorische Kontext doch Gemeinsamkeiten, die das große interdisziplinäre sowie geistes- und sozialwissenschaftliche Potential der Sammlungen aufzeigen. Beispielsweise eröffnen sie Antworten darauf, wie und unter Einfluss welcher kulturellen Dynamiken technische Innovationen entwickelt wurden und in welchem Verhältnis sich dabei Industrie und Forschung bewegten. Andererseits stellt sich etwa auch die Frage, wie die entsprechenden Objekte auf Menschen und soziale Kontexte wirken: Wie und mit welcher Folge wirken technische Geräte auf beteiligte und behandelte Menschen im Gesundheitskontext? Wie ermöglichen Objekte und ihre spezifische Anordnung in Sammlungen die Entstehung und den Transfer von Innovationswissen? Die behandelten Sammlungen zeigen insofern auf, wie elementar die soziale und kulturelle Ebene die Entstehung und Wirkung von Industrieprodukten durchwebt. Sie sind daher nicht zuletzt soziale und kulturelle Objekte, die – interdisziplinär erforscht – wertvolle und vielschichtige Quellen über Funktionieren und Innovationsprozesse in Gesellschaften darstellen.

Tag 2 

An Tag 2 wurden dann bisherige und geplante Transferaktivitäten der Projekte diskutiert.

Einen wichtigen Aspekt der Transferaktivitäten – im weiteren Sinn –stellen bei vielen Vorhaben die Digitalisierung und Datenbankerfassung von Beständen dar. Gerade die entsprechende Befassung mit Hochschulsammlungen ist, wie sich im Laufe der Präsentationen und Diskussionen zeigte,sehr komplex angesichts der großen Vielfalt der hier gelagerten Objekte. Und so vielfältig sind auch die aufgezeigten Zugänge der Vorhaben in Fragen der Digitalität. Beispielsweise erfordern musikalische Aufnahmen auf Schallplatten selbstverständlich völlig andere Herangehensweisen als eine automatisierte Digitalisierung von Herbarbeständen – und dies betrifft nicht nur die genutzten Techniken, sondern eben auch Fragen wie Kosten samt Langzeitarchivierung, Know-How, Metadaten oder Urheberrechte. Gleichwohl stellt die Digitalisierung weiterhin ein ganz elementares Unterfangen der meisten Projekte dar: Sie ist für die Untersuchungen der Vorhaben selbst zentral, aber eben auch für die mittel- und langfristige Bestandsnutzung in Forschung und Lehre, die fundamental ist, um die Sammlungen auch zukünftig zu erhalten. Darüber hinaus macht digitale Zugänglichkeit die Sammlungen aber auch gesellschaftlich sicht- und nutzbar, und zwar global – ein wichtiger Aspekt, wenn es um Fragen des kolonialen Erbes sowie Provenienz und etwaige Restitutionsansprüche geht. Unter enger Einbindung des Begleitvorhabens ist es den Projekten bisher weitgehend gelungen, ihre spezifischen Digitalisierungsherausforderungen zu meistern – wo möglich, sollen die beforschten Bestände nach Projektende in langfristig und öffentlich nutzbare Datenbanken überführt sein, etwa der Initiative museum-digital.

Die Statustagung zeigte aber deutlich, dass die Transferaktivitäten und -planungen der Projekte  weit über dieses Thema hinausgehen. Hierbei bieten sich durch die Sammlungsobjekte selbst viele interessante Formate an. Dies betrifft innerhochschulisch etwa spezifische Lehrangebote, bei denen die Objekte quasi als Scharnier zwischen unterschiedlichen Disziplinen oder sogar Hochschulen fungieren. So organisieren beispielsweise die Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch und der Projektpartner Humboldt-Universität Berlin gemeinsame Seminare im Projekt DramA. Attraktive Formate binden aber im Sinne der citizen science auch das außerhochschulische Publikum ein, etwa im Projekt 3ios. Hier werden als zentrale Events sogenannte Objektlabore organisiert, in denen es nicht nur darum geht, die historischen Medizingeräte auszustellen – sondern sie mit dem und am Publikum in vivo zu testen. Andere Wege geht im wahrsten Sinne des Wortes das Projekt Herrnhut: Da sich die Flachware der Herbarbestände schlechter für Ausstellungen eignet, veranstaltet das Vorhaben Exkursionen in die lokale Natur, um die Forschungen und gleichsam die Forschungsgegenstände – die Pflanzen – interessierten Bürgerinnen und Bürgern nahezubringen.

Nichtsdestotrotz sind Ausstellungen, meist eher am Projektende, ein wünschenswertes Format für viele Sammlungsvorhaben. Auch zu diesem Zweck ist es den geförderten Projekten erfreulicherweise gelungen, starke museale Kooperationspartner in die Vorhaben einzubinden, die ihre wissenschaftliche, Praxis- und Transferexpertise projektbegleitend einfließen lassen. Die dabei beim Thema Ausstellen anzutreffenden Fragen und Herausforderungen sind so vielfältig wie die beforschten Sammlungen selbst: gilt es etwa für KOSTIMA zu klären, wie immaterielle Phänomene wie Musik bestmöglich auszustellen sind, ist für ein Projekt wie AESOH zunächst zentral, ob human remains wie etwa Mumien überhaupt gezeigt werden können, und wenn ja mit welcher Kontextualisierung für das Publikum.

Welches Format nun auch immer für Transfer gewählt werden mag: Die räumliche Situierung, das Setting der Veranstaltung sei immer mitzudenken, um die Wirkung auf das Publikum besser einschätzen zu können – tatsächlich ist es eben auch die Forschung an und mit Sammlungen, die mehr Sensibilität und Verständnis für die komplexe Szenographie von Wissenschaftskommunikation zu Tage fördert.