Kick-Off der BMBF-Förderlinie „Gesellschaftliche Ursachen und Wirkungen des radikalen Islam in Deutschland und Europa“, 15.-16. April 2021

Was sind gesellschaftliche Ursachen für Radikalisierung? Wie wirken islamistische Strömungen in verschiedene soziale Gruppen hinein? BMBF-geförderte Forschungsprojekte gehen den Ursachen und Wirkungen religiöser und politischer Radikalisierung im Bereich des radikalen Islamismus in Deutschland und Europa aus interdisziplinärer Perspektive auf den Grund.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) hat mit der Förderlinie „Gesellschaftliche Ursachen und Wirkungen des radikalen Islam in Deutschland und Europa“ ein umfassendes Forschungsnetzwerk in ganz Deutschland aufgespannt. Am 15. und 16. April 2021 fand die Auftaktveranstaltung dieser Förderlinie statt. Damit wurde der kontinuierliche Austausch der 13 darin geförderten Forschungsverbünde und -projekte eingeläutet – ein Austausch, der über den bloßen Dialog zwischen Forschenden weit hinausgeht: Es werden in der intensiven Zusammenarbeit über Projektgrenzen hinweg Synergien zwischen den verschiedenen Forschungszugängen gehoben, Impulse für das gesamte Forschungsfeld formuliert und der Wissenstransfer in Gesellschaft, Politik und Verwaltung koordiniert.

Zur Tagung eingeladen hatten die Verbundpartner des RADIS-Transfervorhabens, das zur Aufgabe hat, die Projekte zu vernetzen und die Zusammenarbeit programmatisch zu begleiten: das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) an der Universität Bielefeld als Gastgeber des Kick-Offs, das Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK), welches den Verbund koordiniert, sowie das Violence Prevention Network (VPN), welches die Projekte der Förderlinie mit Netzwerken der Präventionspraxis verknüpft. Pandemiebedingt fand die Auftaktveranstaltung online statt.

Die Vertreterinnen und Vertreter des Transfervorhabens sowie des BMBF betonten in ihren Grußworten, dass die enge Verzahnung aller relevanten Akteur*innen zentral für einen nachhaltigen Transfer der Forschungsergebnisse in die Praxis und Politik sei. Für diesen Austausch etabliert RADIS thematische und methodische Forschungscluster, welche die gemeinsame Arbeit der geförderten Projekte in den kommenden Jahren strukturieren werden. Im Vordergrund der Veranstaltung standen daher vertiefende Workshops, um diese Cluster zu bilden.

Die Workshops des ersten Konferenztages fokussierten auf drei Leitfragen:

  1. Was sind die gesellschaftlichen Ursachen für das Erstarken islamistischer Tendenzen;
  2. wie wirken sich islamistische Strömungen auf bestimmte gesellschaftliche Gruppen aus; und
  3. welche wechselseitigen Prozesse und Interaktionen zwischen diesen Ursachen und Wirkungen lassen sich beobachten?

Am zweiten Tag wurden methodische Ansätze und Herausforderungen diskutiert:

  1. Zugänge zu Fachpraxis, religiösen Gemeinden und Vereinen;
  2. Bevölkerungsumfragen, Experimentaldesigns und Surveys; sowie
  3. qualitative Forschungsmethoden. Vor allem in diesen lebhaften forschungspraktischen Diskussionen zeigte sich der große Bedarf und auch ein reges Interesse daran, projektübergreifend zu arbeiten.

Folgende übergreifende Fragen haben sich unter anderem herausgeschält:

  • Wie lassen sich Datenerhebungen, Feld- und Praxiszugänge in einem vielbeforschten Feld koordinieren und ggf. miteinander verbinden?
  • Welche forschungsethischen Herausforderungen stellen sich und wie können Forschende ihnen gemeinsam begegnen?
  • Welche Kernbegriffe und Konzepte leiten die Forschung im Themenfeld des radikalen Islam? Wie können diese disziplinenübergreifend diskutiert, definiert, operationalisiert und konsensfähig formuliert werden?
  • Welche Einflussfaktoren und Strategien zeigen sich im Umgang mit Radikalisierungsdynamiken auf individueller und institutioneller Ebene?

Neben der internen Vernetzung zu diesen und weiteren Themen setzt RADIS erste Impulse als Transfer-Schnittstelle zur Fachöffentlichkeit sowie anderen einschlägigen Netzwerken und Instituten im Forschungsfeld. Als Auftakt dieses Dialogs präsentierten sich bei der Veranstaltung zwei bundesweit agierende Verbünde und luden zum Austausch ein: Dr. Uwe Kemmesies, Leiter der „Forschungs- und Beratungsstelle Terrorismus/Extremismus“ (FTE) im Bundeskriminalamt in Wiesbaden, stellte den ebenfalls vom BMBF geförderten Verbund „Monitoringsystem und Transferplattform Radikalisierung“ (MOTRA) vor. Das Konsortium, zu dem neben der FTE acht weitere Institutionen zählen, ist im Kontext der zivilen Sicherheitsforschung tätig. Anschließend gab Dr. Stefan Kroll als wissenschaftlicher Koordinator einen Einblick in das ebenfalls BMBF-geförderte Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ). Dieses ist in zehn verschiedenen Bundesländern angesiedelt und versammelt unter seinem Dach elf Teilinstitute mit insgesamt 83 Forschungs- und Transferprojekten, die sich mit unterschiedlichen Aspekten des gesellschaftlichen Zusammenhalts beschäftigen.

Ein wichtiger Baustein der Förderlinie ist die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Zu dessen Unterstützung und thematischen Vernetzung wurde im Rahmen der Kick-Off-Veranstaltung ein Nachwuchswissenschaftler*innen-Netzwerk begründet. Der interdisziplinäre Austausch soll die jungen Forscher*innen nicht nur in ihrer disziplinären Qualifikation, sondern auch in ihrer Fähigkeit stärken, von langfristigen multidisziplinären Austauschen zu profitieren.

Weitere Informationen zum RADIS-Forschungsnetzwerk sowie Kontaktdaten finden sich unter www.radis-forschung.de.