Freiheit in der Zeitenwende? Interview mit Staatssekretärin Sabine Döring anlässlich des Wissenschaftsjahrs 2024 zum Thema „Freiheit“

Welche Bedeutung haben Bildung und Forschung für die freie Demokratie? Wie kann eine freie Gesellschaft Bedrohungen begegnen? Dies und mehr erfahren Sie hier im Interview.

Staatssekretärin Prof. Dr. Sabine Döring

Staatssekretärin Prof. Dr. Sabine Döring

BMBF

Frau Döring, das Wissenschaftsjahr 2024 steht unter dem Motto „Freiheit”. Weshalb ist genau jetzt die Zeit, um für und über Freiheit zu streiten?

Dieses Wissenschaftsjahr wird ein ganz besonderes: auch anlässlich des 75. Jahrestages des Grundgesetzes und des 35. Jahrestages des Mauerfalls wollen wir ein Jahr lang im besten Sinne konstruktiv über und vor allem für Freiheit streiten. In Zeiten multipler Herausforderungen und vielschichtiger Transformationen tun wir gut daran, uns an unseren Grundwerten zu orientieren. Das Grundgesetz garantiert die Würde und Freiheit in einer in unserem Land einmaligen Art und Weise. Rechtsstaatlichkeit herrscht wiederum nur, wenn diese Freiheitsrechte aller auch konsequent geschützt werden. Liberale und rechtsstaatliche Demokratien, offene Gesellschaften sind vielerorts bedroht. Wir erleben in diesen Tagen eine „Zeitenwende”, zu der leider auch gehört, dass die Utopie einer freien Welt, die wir dadurch errichten können, dass der Wert der Freiheit auf der ganzen Welt verbreitet und alle Menschen von Unterdrückung befreit werden, in immer weitere Ferne rückt.

Was ziehen Sie daraus für Schlussfolgerungen?

Wenn wir die Freiheit dort erhalten wollen, wo es sie überhaupt noch gibt, müssen wir einen Paradigmenwechsel vollziehen von der Verbreitung der Freiheit zur Verteidigung der Freiheit, zum Streiten für die Freiheit. Mit der Zeitenwende gilt es zu erkennen, dass wir nicht mehr aus einer Position – vermeintlicher? – Stärke heraus missionieren können, sondern die Bedrohungslage realisieren und unsere Strategie auf Verteidigung umstellen müssen; und zwar nicht nur in fernen Autokratien, sondern auch bei uns zuhause. Dazu tragen wir mit dem Wissenschaftsjahr „Freiheit” bei.

Welche Rolle spielen aus Ihrer Sicht Bildung und Forschung dabei, die Freiheit künftiger Generationen zu sichern?

Das sind zwei Fragen, nämlich erstens die nach dem Beitrag von Bildung und Forschung zur Fortentwicklung der Freiheit. Zweitens wird darauf angespielt, um wessen Freiheit es geht. Wir müssen weiterhin unterscheiden zwischen der in unserem Grundgesetz verankerten Freiheit der Wissenschaft selbst und dem Beitrag von Bildung und Forschung zu einer freien Gesellschaft. Bildung und Forschung können zu Fortschritt und Innovationen und damit zur Freiheit der Menschen beitragen, sie können aber auch, im Gegenteil, für illiberale Zwecke instrumentalisiert werden.

Warum?

Jede Autokratie wird sich des Bildungs- und Forschungssystems bemächtigen und versuchen, beide in ihren Dienst zu stellen, indem sie sie dazu missbraucht, Menschen zu indoktrinieren. Eine Bildung und Forschung im Dienste der Freiheit hingegen ist bestrebt, den Menschen zu ermächtigen, sich ganz im Sinne Kants seines eigenen Verstandes zu bedienen und so die wichtigste Grundlage einer liberalen Gesellschaft zu befördern: den freien Bürger. Dazu gehört auch, die Grundlagen zu erforschen, die freie Bürger auch in Zukunft benötigen. Im Wissenschaftsjahr „Freiheit” möchten wir Dialoge gerade zwischen jungen Menschen und Wissenschaft anstoßen. Wir möchten verdeutlichen, welchen Beitrag Bildung und Forschung zur Sicherung einer lebenswerten, freiheitlichen Zukunft leisten. Dies wird in verschiedenen Förderprojekten mit dem Fokus auf der jungen Generation umgesetzt.

Zahlreiche Diskussionen drehen sich derzeit um die Wissenschaftsfreiheit – in Deutschland, Europa und weltweit. Was sind für Sie in diesem Zusammenhang die wichtigsten Aspekte, die im Wissenschaftsjahr 2024 – Freiheit thematisiert werden sollten?

Deutschland hat sich während seiner EU-Ratspräsidentschaft 2020 mit der „Bonner Erklärung” erfolgreich für die Wissenschaftsfreiheit eingesetzt. Danach soll Wissenschaftsfreiheit nicht nur garantiertes Recht von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern weltweit sein, sondern alle wissenschaftlichen Einrichtungen sollten dieses Recht achten und aktiv befördern. Denn Wissenschaftsfreiheit ist die notwendige Voraussetzung für exzellente Forschung.

Dies erfordert jedoch einen präzisen Begriff der Wissenschaftsfreiheit. Wissenschaftliche Aussagen sollen kein unbegründetes Werten und Dafürhalten sein. Für eine konstruktive Debatte über Wissenschaftsfreiheit ist entscheidend, dass Wissenschaft stets wahrheitsgerichtet sein muss und nicht für wissenschaftsexterne Ziele instrumentalisiert werden darf.

Schließt das nicht die Debatte über bestimmte Themen aus?

Wissenschaft darf sich nicht nur, sie muss sich sogar mit jedem erdenklichen Thema auseinandersetzen, da gerade sie mögliche epistemische Irrwege mit guten Argumenten beenden kann. Das Argument und der Dialog, und nicht Zensur aufgrund „sozialer Tyrannei“ (John Stuart Mill), sind der Weg der Wissenschaft und ihr schärfstes Schwert.

Entwicklungen in der jüngeren Vergangenheit zeigen leider, dass Wissenschaftsfreiheit selbst in Mitgliedstaaten der EU unter teils widrigen Bedingungen immer wieder neu errungen werden muss. Mit dem Wissenschaftsjahr treten wir dafür ein.